KOMMENTAR: ROLLSTUHLBASKETBALL-WM 2026 – DEUTSCHLAND SCHREIBT GESCHICHTE. WIR SCHAUEN WEG.

Deutschland schreibt bei der Rollstuhlbasketball-WM Geschichte – und wir schauen kaum hin. HOME OF BASKET-Redakteur Sami Younis schreibt in einem selbstkritischen Kommentar über mangelnde Aufmerksamkeit, redaktionelle Prioritäten und die Verantwortung von Basketballmedien.

Sami Younis

22. September 2026

Deutschland schlägt die USA. Nicht in irgendeinem Testspiel, sondern im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft. Der amtierende Weltmeister wird mit 67:64 bezwungen. Alexander Budde bringt die deutsche Mannschaft kurz vor Schluss in Führung, Thomas Böhme macht den historischen Erfolg an der Freiwurflinie perfekt. Erstmals seit mehr als fünf Jahrzehnten steht eine deutsche Herrenmannschaft wieder in einem WM-Halbfinale.

Eine Geschichte, die im deutschen Basketball eigentlich für große Schlagzeilen sorgen müsste.

Doch wie viel davon haben wir mitbekommen?

Wenige Tage später fehlt gegen den späteren Weltmeister Australien ein einziger Punkt zum Finaleinzug. Deutschland verliert nach Verlängerung mit 83:84. Im Spiel um Bronze folgt ein 56:67 gegen Großbritannien. Am Ende steht Platz vier – das beste deutsche WM-Ergebnis der Männer seit den Anfängen des Wettbewerbs. Auch die deutschen Frauen vertreten unseren Basketball in Ottawa und beenden die Weltmeisterschaft auf Rang sieben.

Es sind Geschichten über Basketball. Über große Siege, bittere Niederlagen, historische Leistungen und eine Nationalmannschaft, die nach Bronze bei den Paralympics 2024 und der Europameisterschaft 2025 erneut zur internationalen Spitze gehört.

Und trotzdem fand diese Weltmeisterschaft in weiten Teilen unserer täglichen Basketballberichterstattung kaum statt.

Auch wir bei HOME OF BASKET müssen uns an die eigene Nase fassen

 

Nationalspielerin Lisa Bergenthal steht für einen Teil unseres Sports, der in der täglichen Basketballberichterstattung noch zu selten stattfindet.

Es wäre einfach, jetzt auf die großen Sportredaktionen zu zeigen. Auf Medienhäuser, die den paralympischen Sport nur alle vier Jahre entdecken. Auf Redaktionen, in denen Rollstuhlbasketball bestenfalls dann stattfindet, wenn eine Medaille gewonnen wird oder sich eine Geschichte über Inklusion erzählen lässt.

Aber bevor wir anderen erklären, wie Basketballberichterstattung funktionieren sollte, müssen wir vor unserer eigenen Tür kehren.

Wir bei HOME OF BASKET haben über diese Weltmeisterschaft nicht berichtet.

Nicht über den historischen Sieg gegen die USA. Nicht über das dramatische Halbfinale gegen Australien. Nicht über den vierten Platz der Männer oder das Abschneiden der Frauen.

Das ist eine Lücke in unserer Berichterstattung. Und eine, die wir uns eingestehen müssen.

Natürlich war der September voll. Die Frauen-Basketball-WM im eigenen Land, der Netto BBL Pokal, die Vorbereitung auf die neue Bundesligasaison. Dazu NBA-Nachrichten, Interviews, Podcasts, Social Media und alles, was im redaktionellen Alltag sonst noch anfällt.

Aber genau hier beginnt die eigentliche Frage: Wenn wir für eine Weltmeisterschaft einer deutschen Basketball-Nationalmannschaft keine Kapazitäten finden, wofür finden wir sie dann?

Es darf keine Ausrede sein, dass gleichzeitig andere große Basketballereignisse stattfinden. Im Gegenteil: Gerade wenn so viel passiert, müssen wir als Redaktion entscheiden, welche Geschichten wir sichtbar machen wollen – und die nötigen Kapazitäten dafür schaffen.

Nicht jede Meldung braucht einen langen Artikel. Nicht jedes Spiel einen Podcast. Aber ein historischer Sieg gegen den amtierenden Weltmeister sollte in einem deutschen Basketballmedium stattfinden. Punkt.

Interessiert uns mittlerweile mehr, wer zuschaut, als wer spielt?

Wir diskutieren jedes noch so kleine NBA-Trade-Gerücht. Vertragsoptionen, Rotationsplätze und mögliche Wechsel, die vielleicht niemals stattfinden. Wir erzählen Geschichten über den vierten Dreier einer Landesliga-Legende.

Und mittlerweile interessieren wir uns manchmal gefühlt mehr dafür, wer am Spielfeldrand sitzt, als dafür, was auf dem Spielfeld passiert. Welcher Influencer ist courtside? Welcher Promi ist in der Halle? Wer trägt welches Outfit? Wer war bei welchem Event?

Versteht mich nicht falsch: Basketball ist Kultur. Lifestyle, Musik, Mode und die Menschen rund um unseren Sport gehören dazu. Diese Geschichten dürfen und sollen erzählt werden. Gerade Basketball besitzt eine kulturelle Identität, die weit über die 40 Minuten auf dem Court hinausgeht. Aber wenn der Courtside-Gast zur größeren Geschichte wird als die sportliche Leistung, müssen wir unsere Prioritäten hinterfragen. Und wenn wir für jedes NBA-Gerücht Kapazitäten finden, während eine historische Rollstuhlbasketball-WM praktisch nicht stattfindet, stimmt für mich etwas nicht mehr.

Es geht nicht darum, Basketballgeschichten gegeneinander auszuspielen. Die NBA muss nicht weniger Aufmerksamkeit bekommen, damit wir über Rollstuhlbasketball berichten können. Und die Frauen-WM ist selbstverständlich keine Konkurrenz zu einer anderen deutschen Nationalmannschaft.

Es geht vielmehr um die Frage, welche Geschichten wir überhaupt für erzählenswert halten. Wir dürfen vor lauter Basketballkultur den Basketball nicht vergessen.

Basketball ist längst mehr als Sport. Doch manchmal schenken wir den Menschen am Spielfeldrand mehr Aufmerksamkeit als denen, die auf dem Court Geschichte schreiben.

Europäischer Spitzenbasketball – direkt vor unserer Haustür

Dabei muss man nicht einmal nach Ottawa schauen, um zu erkennen, welche Geschichten wir häufig übersehen.

In Elxleben bei Erfurt spielen die RSB Thuringia Bulls. Acht deutsche Meisterschaften, fünf Pokalsiege und zwei Champions-Cup-Titel stehen in ihrer Vereinsgeschichte. Im Februar 2020 stellte die Mannschaft mit 56 Pflichtspielsiegen in Folge einen damaligen Weltrekord im Rollstuhlbasketball auf. In der vergangenen Saison blieben die Bulls national in Liga und Pokal ungeschlagen. Erst im Champions-Cup-Finale mussten sie sich CD Ilunion Madrid geschlagen geben.

Internationaler Spitzenbasketball. Mitten in Thüringen.

Wir sprechen regelmäßig darüber, wie Basketball auch außerhalb der etablierten Standorte sichtbarer werden kann. Gleichzeitig haben wir eine international erfolgreiche Mannschaft in einer Region, die viele Menschen nicht zuerst mit europäischem Spitzenbasketball verbinden würden. Und trotzdem wissen manche Basketballfans vermutlich mehr über den dritten Point Guard eines NBA-Teams als über die Thuringia Bulls. Das ist kein Vorwurf an diese Fans. Es ist eine Frage an uns, die wir Basketballgeschichten erzählen.

Wie sollen Menschen eine Mannschaft kennenlernen, deren Spiele, Spieler und Erfolge in ihrer täglichen Basketballberichterstattung kaum vorkommen?

Achter Meistertitel für die RSB Thuringia Bulls: Im zweiten Finalspiel gegen den RSV Lahn-Dill setzen sich die Thüringer knapp durch und krönen sich erneut zum Deutschen Meister. Spitzen-Rollstuhlbasketball direkt vor unserer Haustür.

Keine Mitleidsgeschichte. Basketball.

Ein weiteres Problem liegt darin, wie wir über paralympischen Sport sprechen.

Viel zu häufig wird die sportliche Leistung zur Nebensache einer Geschichte über persönliche Schicksale, das Überwinden von Hindernissen oder die gesellschaftliche Bedeutung von Inklusion. Diese Perspektiven haben selbstverständlich ihre Berechtigung. Aber Rollstuhlbasketball ist nicht erst deshalb berichtenswert, weil er eine gesellschaftliche Botschaft transportiert. Er ist berichtenswert, weil er Sport ist.

Der Korb hängt auf derselben Höhe. Das Spielfeld hat dieselben Dimensionen. Gespielt werden vier Viertel à zehn Minuten. Natürlich besitzt Rollstuhlbasketball eigene Regeln, taktische Besonderheiten und Anforderungen an die Athletinnen und Athleten. Aber wer Basketball liebt, muss nicht erst eine völlig neue Sportart verstehen, um einen entscheidenden Wurf, eine starke Verteidigungsleistung oder einen historischen Sieg zu feiern.

Corin Depping von den Doneck Dolphins Trier brachte es in einem Interview mit Vereinsticket auf den Punkt:

„Was ich mir für diesen Sport wünsche? Dass wir mehr Aufmerksamkeit bekommen. Rollstuhlbasketball ist eine hammergeile Sportart: Da knallt es, da schreit mal jemand, da fällt mal jemand um.“

Vielleicht sollten wir genau dort anfangen. Bei der Begeisterung für das Spiel. Bei der Intensität. Bei den Persönlichkeiten. Bei den Geschichten, die wir auch in jeder anderen Basketballliga erzählen würden. Nicht jeder Bericht über Rollstuhlbasketball muss erklären, warum Inklusion wichtig ist. Manchmal reicht es, darüber zu schreiben, warum eine Mannschaft gewonnen hat.

Oder warum sie nach einem historischen Halbfinale mit einem einzigen Punkt Unterschied ausgeschieden ist.

Intensive Duelle, große Emotionen und sportliche Höchstleistungen: Rollstuhlbasketball braucht keine Mitleidsgeschichten, sondern Aufmerksamkeit für das Spiel selbst.

Wir können nicht nur über das berichten, was bereits Klicks bringt

Natürlich wissen wir, dass NBA-News Reichweite bringen. Dass bestimmte Spieler mehr Aufmerksamkeit bekommen. Dass manche Themen leichter funktionieren als andere. Aber wir als Basketballmedium bilden Interesse nicht nur ab. Wir entscheiden mit darüber, welches Interesse überhaupt entstehen kann.

Wie sollen Fans Spieler kennenlernen, deren Geschichten wir nicht erzählen? Wie soll Begeisterung für eine Liga entstehen, deren Spiele wir kaum erwähnen? Und wie soll Rollstuhlbasketball sichtbarer werden, wenn selbst Basketballmedien bei einer Weltmeisterschaft wegschauen? Die mangelnde Aufmerksamkeit für den paralympischen Sport wird regelmäßig beklagt. Besonders während der Paralympics sprechen wir darüber, warum Athletinnen und Athleten nicht dieselbe öffentliche Wahrnehmung erhalten wie ihre olympischen Kolleginnen und Kollegen. Danach wird es häufig wieder still.

Dabei existiert Rollstuhlbasketball nicht nur während der Paralympics. Seit 1960 gehört die Sportart zum paralympischen Programm. Seit Jahrzehnten werden Weltmeisterschaften ausgetragen, nationale Meisterschaften entschieden und internationale Titel vergeben. Es gibt eigene Stars, Rivalitäten und historische Momente. Was fehlt, sind nicht die Geschichten.

Was häufig fehlt, ist die journalistische Selbstverständlichkeit, sie zu erzählen.

Und genau deshalb reicht es nicht, auf mangelnde Nachfrage zu verweisen. Medien können nicht ausschließlich auf das reagieren, was bereits Aufmerksamkeit bekommt. Sie tragen auch Verantwortung dafür, Menschen neue Geschichten und Persönlichkeiten näherzubringen. Das bedeutet nicht, dass jeder Wettbewerb denselben redaktionellen Umfang erhalten muss. Aber eine Weltmeisterschaft darf nicht deshalb aus unserem Blickfeld verschwinden, weil zeitgleich die BBL startet oder eine andere Nationalmannschaft im Mittelpunkt steht.

Ein Kommentar allein ändert nichts

Es wäre einfach, jetzt diesen Beitrag zu veröffentlichen, die mangelnde Sichtbarkeit zu beklagen und anschließend wieder zum bisherigen Alltag zurückzukehren. Aber genau das darf nicht passieren.

Wenn wir es ernst meinen, müssen wir Rollstuhlbasketball künftig bereits bei der Themenplanung berücksichtigen. Wir müssen Bildquellen organisieren, Zuständigkeiten klären und Kapazitäten schaffen – nicht erst dann, wenn neben allen anderen Aufgaben zufällig noch Zeit übrig bleibt. Denn Aufmerksamkeit ist keine Restaufgabe. Sie ist eine redaktionelle Entscheidung. Und das gilt ausdrücklich auch für uns bei HOME OF BASKET.

Wir wollen Basketball nicht nur als Ergebnisdienst verstehen, sondern als Sport, Kultur und Gemeinschaft. Wir wollen Geschichten erzählen, die über das Offensichtliche hinausgehen. Wir wollen zeigen, wie vielfältig Basketball ist.

Dann darf diese Vielfalt aber nicht dort enden, wo die Reichweitenprognose unsicher wird.

Für alle, die Basketball fühlen. Dann müssen wir auch alle meinen.

So lautet unser Anspruch bei HOME OF BASKET.

Dann dürfen wir damit nicht nur die NBA, die BBL und die Geschichten meinen, von denen wir bereits wissen, dass sie Reichweite bringen. Die deutsche Mannschaft hat in Ottawa Geschichte geschrieben. Wir haben es versäumt, diese Geschichte zu erzählen. Das können wir nicht rückgängig machen. Aber wir können daraus lernen.

Nicht, indem wir jetzt einmal einen Kommentar veröffentlichen und anschließend wieder zum bisherigen Alltag zurückkehren. Sondern indem wir uns bei der nächsten Themenplanung fragen, welche Basketballgeschichten wir gerade wieder übersehen.

Denn wenn wir wollen, dass unser Sport in seiner ganzen Vielfalt gesehen wird, müssen wir selbst damit anfangen, ihn in seiner ganzen Vielfalt zu zeigen.

Autor: Sami Younis | Stand der Daten: 22. September 2026 | Fotocredit: DBS / Team Deutschland Paralympics, Getty Images, IMAGO / Beautiful Sports

Sami Younis

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