Und doch thront ein Lächeln in ihren unschuldigen Gesichtern, eine Zufriedenheit mit ihrem Selbst und der Subkultur, der sie frönen. Immer wieder probieren sie waghalsige Dribblings, schwingen den Ball im eigenen T-Shirt um den Körper herum, dann lassen sie ihn noch mal über die Schultern rollen. Nicht ganz so wie „Hot Sauce“ oder „Skip 2 My Lou“, aber es ist der Wille, der zählt, das Lebensgefühl. Freiheit. Irgendwie so, wie sie es auf der Videokassette am Abend zuvor gesehen haben. Die nun auf der benachbarten Tischtennisplatte liegt und darauf wartet, vom nächsten umtriebigen Freiplatz-Freund ausgeliehen zu werden.
Wie alles begann ...
Freshe Shirts und freche Sprüche
Berger und Gilbert ersinnen ein paar provokative Basketball-T-Shirts, für die ihr nerdig-schüchterner Kumpel und Mitgründer Tom Austin den finalen, den entscheidenden kreativen Touch liefert. „And1“ heißt das kleine Unternehmen. Ein typischer Begriff aus dem Basketball, der aber getreu dem lauten Look der Shirts meist auf dem Weg zum Korb gebrüllt anstatt bloß gesagt wird. Bald stehen die drei Gründer mit ihrem Truck auf Freiplätzen, bei Turnieren oder Basketball-Camps und bieten ihre Shirts direkt aus dem Kofferraum an. Die Kleidungsstücke zeigen einen gesichtslosen, voll aufgepumpten Hoops-Helden, der allerlei markige Sprüche vom Stapel lässt. Schoten wie „I’m the Bus Driver. I Take You to School“, „No Blood. No Foul“ oder der Klassiker „Your Game is as Ugly as Your Girl“ stammen nicht aus der braven Basketball-Welt eines High-School-Gyms oder dem YMCA, hier spricht die Straße. Eine herausfordernde Attitüde, die vor allem auf den Courts der Inner City ihr Zuhause hat. „Wir haben mit unseren Shirts den Fokus auf ein Spiel gelegt, das bis dato oft ein Schattendasein geführt hat“, sagt Berger über die ursprüngliche Philosophie von And1, die bald Früchte tragen soll.

Als die US-Kette Foot Locker einen ersten fünfstelligen Auftrag für die Shirts aufgibt, wird Berger klar, dass sie hier wirklich etwas auf die Beine stellen können. „Zum ersten Mal riefen Leute uns an“, sagt er und verweist auf die ersten Millionenumsätze im Jahr zwei der Company. Wer aber damals im Basketballbereich etwas auf sich hält, muss ins Schuhgeschäft. Auch hier stolpert And1 quasi über Nacht zu unglaublichen frühen Erfolgen.
Mit der New Yorker Streetball-Legende und NBA-Rookie Stephon Marbury haben sie das perfekte Zugpferd für ihr freshes Unternehmen, das ihnen zudem als Top-Draft-Pick die Tür in den Profibereich aufstößt. Eine frühe Knöchelverletzung in den jungfräulichen And1-Sneakern dämpft die Euphorie allerdings fürs Erste.
Stephon Marbury ist der erste NBA-Profi, der den ikonischen AND1-Sneaker trägt.
Das erste Mixtape
In jenen Tagen findet sich ein abgewetztes Videotape auf einem Schreibtisch in den And1-Headquarters, ein New Yorker High-School-Coach hatte es ein paar Wochen zuvor eingeschickt. Langsam schiebt Marketing-Head Jeffrey Smith die Kassette in den Rekorder und plötzlich öffnet sich ein Tor in eine neue Zukunft. Pixelige Bilder von Rafer Alston – Street Name „Skip 2 My Lou“ – flimmern über den Bildschirm, in denen sich der High Schooler mit filigranen Handles und schlüpfrigen Moves durch verschiedene Streetball Games stiehlt. Seine Bewegungen haben etwas Raues, Unverbrauchtes – gleichzeitig heben sie Handarbeit am Ball zu einer Art Kunstform herauf. Einen Tag später bekommt der für And1 arbeitende DJ Set Free die Kassette in die Hände.
Zu Hause legt Set ein paar Tracks unter die Nadel, mixt etwas, dann lässt er das Tape laufen. „Und ich werde nie vergessen, wie die Kick Drum perfekt zum Dunk passte und die Snare sich fließend mit dem Jumpshot vermischte“, erinnert sich der DJ an die Nacht der Nächte. „Da wusste ich direkt, dass ich hier etwas Besonderes vor mir habe.“ Bis vier Uhr in der Früh probiert er weiter herum, bevor er am nächsten Morgen direkt in Smiths Büro stürmt. Set klopft auf den Tisch: „Du musst mich sofort in ein Studio packen!“ Sein Gegenüber zögert nicht. In den kommenden Tagen feilt DJ Set Free in Florida an der Kassette herum und unterlegt die Highlights mit exklusiven Tracks seiner zahlreichen Kontakte aus der Hip-Hop-Welt. Dabei entsteht ein Video, das bald als erstes „And1 Mixtape“ in die Geschichte eingehen soll.

Die Gründer Seth Berger (h.l.), Jay C. Gilbert (Mitte) und Tom Austin (3. v.l.) lösen mit AND1 einen Hype aus.
Im legendären „Skip Tape“ verschmilzt der Basketball der Straße mit der Musik eben jener. Bald liegt es in etlichen angesagten Hip-Hop-Clubs, in Tonstudios oder bei kultigen Underground-Record-Labels neben den Turntables. Szene-Giganten wie Mos Def oder GZA singen Lobeshymnen und geben den Bildern ein musikalisches Herz. Zehntausende dieser Tapes werden verteilt – und es entwickelt sich innerhalb weniger Wochen eine Marketing-Lawine, die alle bisher gekannten Normen sprengt. Die Leute, die „echten“ Player auf den Freiplätzen und auf den Hinterhöfen, lieben es, bald verzehrt sich jeder nach And1-Produkten. Der perfekte Sturm braut sich in einer Zeit zusammen, in der Rap und Hip-Hop immer mehr in den Mainstream hineingrätschen. Was gerade vom weißen Establishment lange als „shady“ abgestempelt wurde, hämmert nun immer öfter in den Vorstädten aus den Lautsprechern. Auf der großen Bühne stellen sich kulturelle Leader wie Allen Iverson auf die Hinterbeine und prägen ihr ganz eigenes Movement. Inmitten dieser sich verändernden Zeit trifft das And1 Mixtape mehr als nur einen Nerv.
Der Hypetrain gerät ins Rollen
Bald klingeln auf den Freiplätzen in Linden, New Jersey, in der Bronx oder in Philly die Telefone. Jungs wie „Main Event“, „Headache“ oder „The Dribbling Maschine“ gehen ran. Sie sind hartgesottene Hartplatz-Helden, von der schillernden Basketballbühne vergessen, im Viertel und auf dem Asphalt aber ganz große Nummern. And1 macht sie über Nacht zu gefeierten Stars, denn schließlich wollen weitere Tapes produziert, Millionen über Millionen Sneaker und Merch verkauft werden. Die Erfolgsgeschichte legt den ganz dicken Stift an.
„Auf den Tapes konnte man eine neue Form des Selbstausdrucks bewundern“, skizziert Tom Austin das, was die Mixtapes damals so besonders machte. „Es war durch und durch Playground, ein Grassroots-Movement, Basketball für jedermann. Das von unserer Firma repräsentierte Spiel hatte Attitude, war roh, gleichzeitig eine Art Kunst. Und mit unserem Fuß auf diesem Asphalt war es eine strategische Position, die nicht einmal Nike erreichen konnte.“Zumindest noch nicht …
Dieser Beitrag erschien zuerst in BASKET 03/26 und ist teil einer dreiteiligen serie
über die entstehung, den Aufschwung und den Niedergang der „and1-mixtapes”.
part II („the big time”) & part III („one and done”)
findest du zum nachlesen in BASKET Ausgabe 04/26 und 05/26.
Autor: Moritz Wollert | Fotocredits: GettyImages

