Nach 18 Jahren endet die NBA-Karriere von Russell Westbrook. MVP, neunfacher All-Star, neun All-NBA-Auszeichnungen und vier Spielzeiten mit einem Triple-Double im Schnitt: Westbrook hinterlässt eine Karriere, die statistisch zu den außergewöhnlichsten der NBA-Geschichte gehört. Gleichzeitig wurde kaum ein Superstar seiner Generation so kontrovers diskutiert.
Russell Westbrook wird 2008 an vierter Stelle von den Seattle SuperSonics gedraftet, die kurz darauf nach Oklahoma City umziehen und in die Oklahoma City Thunder umbenannt werden. Gemeinsam mit Kevin Durant, James Harden und Serge Ibaka ensteht in den kommenden Jahren eines der aufregendsten jungen Teams der Liga. 2012 erreicht OKC mit Westbrook als Schlüsselspieler die NBA Finals. Was wie der Startschuss für eine erhoffte Dynastie klingt, war am Ende nur heiße Luft. Gegen die Miami Heat unterliegen Westbrooks Thunder mit 4-1. Danach bricht das Team auseinander. Harden wechselt zur neuen Saison zu den Houston Rockets – der Anfang vom Ende. 2016 gelingt erneut der Finals Run. Doch Durant und Westbrook verspielen eine 3:1-Führung gegen die Golden State Warriors – danach gehen auch Durant und Ibaka. Nur Russell bleibt.
Eine historische MVP-Saison

„Mr. Triple Double”: In seiner NBA-Karriere absolviert Russell Westbrook fünf Saisons mit einem Season-Triple-Double im Schnitt.
Westbrooks Antwort auf den Aderlass bei OKC wird zum Höhepunkt seiner Karriere. In der Spielzeit 2016/17 erzielt er durchschnittlich 31,6 Punkte, 10,7 Rebounds und 10,4 Assists – ein Triple-Double im Schnitt und zwar über die gesamte Saison. Eine solche Leistung hat seit Oscar Roberts etwa 50 Jahre früher kein Spieler mehr aufs Parkett gelegt. Der Thunder-Point Guard wird Scoring-Champion und MVP.
Doch was für viele schon eine absolute Freak-Leistung darstellt, wird bei Westbrook beinahe zum Alltag. In vier weiteren Spielzeiten beendet der in Long Beach geborene Star die Saison mit einem Triple-Double im Schnitt. Seine Mischung aus Geschwindigkeit, Kraft, Rebounding und kompromissloser Aggressivität machen ihn zu einem Point Guard, wie ihn die NBA zuvor nur selten gesehen hat.
Gleichzeitig beginnt in dieser Zeit die Debatte über seinen Spielstil. Kritiker verweisen auf hohe Usage, Turnover, zu schwierige Würfe und werfen die Frage auf, wie sehr seine historischen Statistiken tatsächlich zu erfolgreichem Playoff-Basketball führen. Denn spätestens nach Durants Abgang gewinnt Oklahoma City mit Westbrook als Franchise-Player keine Playoffserie mehr.
Vom Superstar zum Opfer der Meme-Kultur
Nach elf Jahren in Oklahoma verlässt Russell Westbrook die Franchise. Es folgen Stationen in Houston (2019/20) und in Washington (2020/21), wo er wieder einmal ein Triple-Double im Schnitt auflegt. Besonders seine anschließende Zeit bei den Los Angeles Lakers verändert jedoch die öffentliche Wahrnehmung seiner Karriere.
Neben LeBron James und Anthony Davis funktioniert der Fit nicht. Fehlender Distanzwurf, Turnover und schlechte Entscheidungsfindung rücken in der Debatte um „Brodie“ immer stärker in den Vordergrund. Aus Russell Westbrook wird in den sozialen Medien zunehmend „Westbrick“ – in Anspielung auf eben jene vergeigten Würfe.
Damit trifft sein sportlicher Niedergang genau auf den Aufstieg einer NBA-Meme-Kultur, in der einzelne Fehlwürfe und Fehler innerhalb weniger Minuten millionenfach verbreitet werden. Die jüngere Generation lernt teilweise zuerst den alternden, fehlerhaften Westbrook im Trikot der Lakers kennen – und erst danach den MVP, der Jahre zuvor die komplette Liga dominierte.
Seine letzten Stationen bei den Los Angeles Clippers, Denver Nuggets und den Sacramento Kings verbringt Westbrook in kleineren Rollen. Für einen Spieler, dessen Karriere sich über Athletik, Ballbesitz und maximale Intensität definiert, wird die Anpassung an den eigenen körperlichen Niedergang zur vielleicht größten Herausforderung, in einer Liga, die gleichzeitig immer athletischer wird.

Insbesondere nach seiner Zeit bei den Oklahoma City Thunder wird Westbrook häufig zum Gespöt in den sozialen Medien.
Eine Legacy, über die weiter diskutiert wird
Nun also das Ende. In einer emotionalen Videobotschaft verkündet der 37-Jährige seinen Abschied von der großen Basketball-Bühne.
Der Point Guard beendet seine Karriere ohne NBA-Champions-Ring, aber mit einem Lebenslauf, der ihn ohne Zweifel zu einem zukünftigen Hall of Famer macht. Neben seinem MVP-Award stehen neun All-Star-Nominierungen, neun All-NBA-Auszeichnungen, zwei Scoring-Titel, drei Assist-Titel und die Aufnahme ins NBA 75th Anniversary Team.
Seine Karriere zeigt dabei zwei Seiten der selben Medaille: Westbrooks Schwächen waren real: Shooting, Entscheidungsfindung und Anpassungsfähigkeit verhinderten womöglich noch größere Teamerfolge. Gleichzeitig überdecken die Memes seiner späten Jahre, wie dominant seine Prime tatsächlich war.
Vielleicht wird gerade deshalb mit etwas Abstand wieder deutlicher werden, was Russell Westbrook wirklich war: nicht der perfekte Point Guard, aber einer der einzigartigsten und faszinierendsten Spieler seiner Generation.

