Constraints Led Approach: Wenn das Training zum Spiel wird

Weniger starre Drills, mehr Spielintelligenz und mutige Entscheidungen: Der „Constraints Led Approach“ stellt traditionelle Trainingsbilder infrag. BASKET-Experte und Basketball-Nachwuchstrainer Hagen Schmidt erklärt, warum Lernen im Chaos funktioniert – und was Coaches wie auch Spieler von
diesem neuen Trainingsansatz mitnehmen können.

Zawadi Mograbi

24. August 2026

Victor Wembanyama dominiert in seiner dritten NBA-Saison die Liga – und trainierte in der Offseason nach einem Ansatz, der gerade weltweit für Aufmerksamkeit sorgt: dem „Constraints Led Approach“ (CLA). Auch Kenny Atkinson, Coach der Cleveland Cavaliers, setzt zunehmend auf diese Trainingsphilosophie, die klassische Drills durch spielnahe, variable Lernsituationen ersetzt. Der Ansatz verspricht eine bessere Entscheidungsfindung, mehr Anpassungsfähigkeit sowie kreative Lösungen unter Druck. Doch was steckt wirklich hinter dem Hype? Wir haben mit Podcaster und Nachwuchstrainer Hagen Schmidt über den CLA gesprochen und verraten, was genau dahinter steckt.

BASKET: Hagen, du bist schon seit über zehn Jahren Basketball-Trainer. Wann hast du als Coach das erste Mal von „Constraints Led Approach“ gehört – und konntest du dir darunter direkt etwas vorstellen?

Hagen Schmidt: Ich bin vor etwa sechs, sieben Jahren das erste Mal damit in Kontakt gekommen, als ich die Nachwuchs-Trainer-Ausbildung der Bundesliga durchführte.
Mit dem Thema, so spielnah wie möglich zu trainieren, habe ich mich bereits früh beschäftigt. Schon als Spieler fiel mir auf, dass man viele Dinge trainiert, die aber so auf dem Spielfeld nie stattfinden. Von daher hat die Vokabel „Constraints Led Approach“ für mich sehr viel Sinn ergeben. Um aber zu erfahren, was konkret mit Beschränkungen und „Constraints“ gemeint ist, musste ich mich damit näher auseinandersetzen.

„Wenn ich häufiger übe, die passende Entscheidung zu treffen – in kleineren Spielformen, mit verschiedenen Drucksituationen –, dann werde ich sukzessive besser.“

Wie würdest du CLA jemandem kurz und knapp erklären, der noch nie davon gehört hat?

Die Quintessenz vom CLA ist eigentlich, dass Spieler durch kleine Spielsituationen besser lernen als durch isoliertes Training ohne Gegner. Stellen sich unvorhergesehene Situationen ein, dann scheitern Spieler, die nur gewisse Abläufe auswendig gelernt haben, weil sie das Spiel an sich nicht verstehen. Wenn ich häufiger übe, die passende Entscheidung zu treffen – in kleineren Spielformen, mit verschiedenen Drucksituationen –, dann werde ich sukzessive besser.
Ganz klassisch: Ich kann Zeitdruck aufbauen, indem die Shot Clock nur zehn statt 24 Sekunden hat. Dann wird das Spiel hektischer und die Spieler müssen noch schneller Lösungen finden. CLA ist ein Stück weit auch eine Lebenseinstellung. Du musst den Spielern vertrauen. Und die Frage lautet: Kannst und möchtest du das als Trainer überhaupt?

Lass uns einmal in die NBA blicken. CLA wurde in jüngster Vergangenheit vor allem mit Victor Wembanyama in Verbindung gebracht, der in der Offseason nach diesem Ansatz trainierte. Aber auch die Cavaliers und insbesondere Head Coach Kenny Attkinson gelten als große CLA-Befürworter. Was kann diese Trainingsmethode auf Top-Niveau noch bewirken?

Für Spieler, die in ihrer Jugend nicht so viele Freiheiten erhalten haben, ist das ein „Karriere-Booster“, wenn ihnen jetzt mehr Vertrauen geschenkt wird. Manchmal drücke ich meinem Captain in der Auszeit – das hat früher schon Gregg Popovich gemacht – die Taktiktafel in die Hand und sage zu ihm: „Hier, mal auf!“

Ein Name, den man in Bezug auf CLA häufig liest, ist Alex Sarama...

Es gibt zwei Personen, die CLA stark vorangetrieben haben: Chris Oliver von „Basketball Immersion“ und Alex Sarama von „Transforming Basketball“. Vor allem Sarama war zuletzt zwei Jahre lang Head of Player Development und Assistant Coach bei Cleveland. Dort hat er quasi diese Ideen reingebracht, die jetzt auch viele amerikanische Trainer aufgenommen haben. Nun wird Sarama Head Coach in der WNBA bei Portland. Dort wird man sehen, wie erfolgreich es sich niederschlägt.

Lässt sich der Erfolg eines Teams – wie der Regular-Season Record der Cavs in der Vorsaison – eins zu eins auf das Training nach CLA zurückführen?

Ich glaube, dass es einen Impact von zehn bis 20 Prozent haben kann. In den 90er-Jahren hattest dieses du lange Playbooks, deine Sets. Das wurde abgespult, und am Ende gab es diesen einen Wurf, vielleicht gab es noch einen Plan B, wenn der Wurf nicht kommt.
Jetzt schaffen wir aber eine Generation Spieler, die in diesem Setup, in diesen Leitplanken immer wieder Ausstiege finden. Weil ich meinen Jungs beigebracht habe, Muster zu erkennen und Lösungen zu finden.
Übrigens bin ich der Meinung, dass es mehr Spaß macht, wenn du befähigt bist, selbst Entscheidungen zu treffen. Und alles, was Spaß macht, lernt sich auch leichter.

 

CLA: KURZ & KNAPP ERKLÄRT

Der Constraints Led Approach (CLA) ist ein Trainingsansatz, bei dem Lernen nicht über isolierte Drills, sondern über spielnahe Situationen mit gezielten Ein- schränkungen („Constraints“) erfolgt. Spieler entwickeln Lösungen selbststän- dig, statt vorgegebene Abläufe auswendig zu lernen. Während klassisches Training häufig feste Bewegungsabläufe isoliert wiederholt, arbeitet CLA mit variieren- den Spielsituationen („Repetition ohne Wiederholung“). Entscheidungsfindung, Wahrnehmung und Anpassungsfähigkeit stehen im Mittelpunkt – nicht die perfekte Ausführung eines einzelnen Bewegungs- musters. Wichtige Impulsgeber sind Alex Sarama mit seiner Schule „Transforming Basketball“ und Chris Oliver, Gründer von „Basketball Immersion“.

Die drei Dimensionen der Constraints:

Aufgaben-Constraints: Regeln, Zeitdruck, Raumgrößen, Punktesysteme (z. B. nur Dreierwürfe, Dribbling mit der schwachen Hand).

Individuelle Constraints: Körperliche, technische und kognitive Voraussetzungen der Spieler (Größe, Athletik, Erfahrung, Entscheidungsfähigkeit).

Umwelt-Constraints: Externe Faktoren wie Raum, Gegnerdruck, Geräuschkulisse oder Spielsituation.

 

Kritiker sagen, dass CLA zu sehr individuelle Freiheit fördert und damit Spieler zu Einzelgängern formt, also mehr „Hero Ball“ begünstigt. Was sagst du dazu?

Das glaube ich nicht, durch CLA läuft der Ball mehr als ohne. Früher hatte der Point Guard den Ball schon sehr viel in den Händen. Jetzt ist es aber so: Ist einer frei und vorne, muss der Ball dorthin. Egal, wer das ist. Allerdings ist es so, dass gerade in der Erwerbsphase von CLA bedeutend mehr Fehler entstehen. Wenn ich den Eindruck habe, dass ein Spieler ins Ego kippt, ist es an uns Trainern, auch einzugreifen.

Bis jetzt hört es sich so an, dass der Fokus auf dem Spiel mit Ball liegt. Lässt sich mit CLA auch für das Spiel ohne Ball anwenden?

Auf jeden Fall. In der Jugendausbildung ist es wichtig, dass der Ball geteilt wird, denn viele Kinder sollten Erfahrungen am Ball machen.
Wenn ich den Jungs sage, ihr dürft nur zweimal dribbeln oder der Angriff ist relativ kurz, dann sind sie automatisch dabei, den Ball zu passen. Oder zum Beispiel eine Regel, wie „One can not guard two“, damit wir ein gutes Spacing halten, sodass der Verteidiger eine Entscheidung treffen muss. Und so lernen die Kinder eben auch, dass sie wahnsinnig nützlich abseits des Balls sind.

„Kein Baller der Welt macht den Sport, um zu trainieren, sondern um zu spielen.“

Nun hat man als Trainer in der NBA nicht die Zeit, um zu sagen: „Ich lasse die jetzt erst mal spielen“. Da muss jede Aktion sitzen. Wie schätzt du das ein?

Wenn man in der NBA trainiert, dann ist es nicht beliebig, sondern es muss wirklich durchgeplant sein. Als Profi-Trainer kannst du dein Training minutiös durchplanen. CLA lässt sich im Warm-up einbinden, in kleinen Gruppentrainings oder sogar im Videotraining. So lernt auch ein Victor Wembanyama – obwohl er seine Beine gar nicht anstrengt, sondern vor dem Laptop sitzt, um das Spiel zu lesen. Motorisches Lernen funktioniert am besten auf dem Parkett, aber Videotraining kann das absolut unterstützen.

Wie sieht bei dir denn so eine typische Trainingseinheit nach CLA aus?

Das Wichtigste: Ich habe fast kein Training mehr „gegen Null“. Also irgendein Constraint ist tatsächlich immer dabei, selbst in kleinen Warm-up-Spielchen. Dann geht es aber sofort in Small-Sided-Games, in kleine Spielsituationen mit Gegnerdruck, mit Zeitdruck oder mit räumlichem Druck.
Dann gehe ich in die nächste Spielform, vielleicht olympisches 3 x 3. Und sage: „Heute zählen die Offensiv-Rebounds drei Punkte“. Nun müssen die Jungs überlegen, was sie tun. Dann nehme ich ihnen vielleicht noch eine Spielfeldhälfte weg – und so ist letzten Endes alles aufgabenbezogen. Wir haben auf einmal ein Live-Basketball-Spiel plus den Constraint, der es sogar noch schwieriger macht, als im Wettkampf, wo wir so oft dribbeln können, wie wir dürfen.

Bei mir spielen wir wirklich sehr früh im Training, wenn alle noch frisch im Kopf sind. Früher wurde im Training erst technisch gearbeitet, dann ein taktischer Drill gemacht und erst anschließend gespielt – da haben wir uns in den letzten 20 Minuten das Spiel „verdient“.
Oft aber war die Zeit aber schon so fortgeschritten, dass wir gar nicht mehr zum Spielen kamen. Das ist eigentlich tödlich, denn kein Baller der Welt macht den Sport, um zu trainieren, sondern um zu spielen.

Die Leute, mit denen ich arbeite, die gehen vier, fünf Mal die Woche in die Halle, und dann finde ich es wichtig, dass sie sich bewusst damit auseinandersetzen und nicht nur „Roboter“ sind. Dieses Feedback „wow, ich habe so viel gelernt“ ist schon cool. Da weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist.

„Wir erwarten von den Spielern, dass sie sich immer neu einstellen, umstellen und einlassen. Wir als Trainer müssen das aber auch.“

 Bei Alex Sarama sieht man, dass er mit Schwimmnudeln trainiert oder den Spieler Kopfhörer aufsetzt, damit sie nicht mehr miteinander sprechen können. Hast du so was auch schon mal eingebaut?

(lacht) Also, die Jungs wissen schon immer, was los ist, wenn ich in die Halle mit Keulen und Tackle-Shields hineinkomme und sie damit durch die Halle scheuche. Aber so kann ich einen einfachen Korbleger-Drill enorm aufwerten. Dabei hast du vielleicht nicht ganz den realistischen Gegnerdruck, aber trotzdem eine Ablenkung, weil irgendeiner dir die ganze Zeit auf die Hände haut. Das ist dann wiederum spielnah. Musik nutze ich häufig, Fangesänge zum Beispiel. Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.
Die große Erkenntnis lautet, dass du wahnsinnig viele Spielsituationen manipulieren kannst. Je schwieriger wir es uns im Training machen, desto weniger Überraschungen begegnen wir im Spiel.

Wie gehst du damit um, wenn Spieler nicht die Entscheidung treffen, die du dir erhoffst?

Natürlich gibt es Dinge im Basketball, die unumstößlich sind. Wenn wir eine Zwei-gegen-eins-Überzahl laufen, du den Ball hast und verteidigt wirst, dann macht es Sinn, mir den Ball zu geben, weil ich frei bin. Ich als Trainer will, dass der Ball am Ende drin ist und wir die Überzahl ausspielen. Aber um dahin zu kommen, gibt es zig Möglichkeiten. Wenn der Spieler über mehrere Passarten verfügt, die er in den verschiedenen Situationen anwenden kann, ist das doch super.

Ist CLA universell anwendbar – oder gibt es Grenzen?

Immer wenn die Gegner zu stark sind, stößt auch CLA an seine Grenzen. Im Profibasketball ist die Geschichte von CLA noch nicht so alt, da müssen wir einfach beobachten, wie das in der NBA weitergeht. Aber die Beispiele Cleveland und unsere eigene Jugendausbildung deuten erst mal darauf hin, dass es gut läuft. Gerade in der individuellen und in der Kleingruppenausbildung halte ich CLA für unerreicht. Und in High-Level-Situationen – es steht 85 zu 85 und wir haben noch drei Sekunden – werde ich ein konkretes Play aufmalen müssen. Das heißt, gewisse Verabredungen wird es auch weiterhin geben.

Hast du abschließend noch einen Rat für Coaches, die ihr Training nach CLA umgestalten wollen?

Der wichtigste Ratschlag: Seid offen. Traut euch, euch immer wieder neu zu erfinden.
Es gibt keinen perfekten Trainer da draußen. Ich glaube, je flexibler du bist, desto mehr kannst du dich auf verschiedene Gegner einstellen. Wir erwarten von den Spielern, dass sie sich immer neu einstellen, umstellen und einlassen. Wir als Trainer müssen das aber auch. Gerade Basketball mit seinen Playoffs lehrt uns, dass du auf jedes Team eine Antwort haben musst. Und wenn man sich durch CLA ein paar Dinge schneller und leichter aneignen kann, die Jungs und Mädels dabei eine gute Zeit haben, erfolgreich sind und sich immer weiterentwickeln, dann ist dies das beste Outcome, das ich mir vorstellen kann.

Zur Person: Hagen Schmidt

 

Hagen Schmidt (38) ist seit 2004 als Basketballtrainer tätig. Nach zehn Jahren ehrenamtlicher Arbeit gelang ihm der Schritt, sein Hobby zum Beruf zu machen – für ihn bis heute der größte persönliche Mei- lenstein. Aktuell arbeitet er für den Bayerischen Basketball Verband, ist Assistenztrainer beim Deutschen Basketball Bund in den Jugendnationalmannschaften un-d Camps sowie Head Coach der Herrenmann- schaft des TS Jahn München in der 1. Regionalliga. Darüber hinaus ist Schmidt als Trainerausbilder beim Bayerischen Basketball Verband aktiv. Sein Traineridol ist Gregg Popovich. Der „Constraints Led Approach“ prägt Hagens Arbeit maßgeblich: Spieler sollen lernen, das Spiel selbstständig zu lesen und Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen – getragen von Vertrauen, Geduld im Entwick- lungsprozess und einer hohen Trainingsökonomie. Aber egal ob CLA oder nicht, drei wichtige Kriterien muss das Training für ihn immer erfüllen: Intensität, Wiederholungszahlen und ganz wichtig: Korrekturen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in BASKET 03/2026

 

Interview & Text: Zawadi Mograbi | Stand: 23. Januar 2026 | Fotos: GettyImages

 

Zawadi Mograbi

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