Die Evolution des deutschen 3×3-Projekts

Vom Streetball-Nischenprojekt zur Weltklasse: Wie drei Freunde aus Niedersachsen Deutschlands 3x3-Basketball auf Kurs Olympia 2028 brachten.

Kijanusch Holz

24. August 2026

Der Court misst exakt 15 mal 11 Meter, die Shotclock tickt unerbittlich ab zwölf Sekunden, gespielt wird ohne Unterbrechung auf einen Korb. 3x3-Basketball ist physisch brutal, kompromisslos und extrem dynamisch. Was im Deutschen Basketball Bund (DBB) lange Zeit als sommerliche Streetball-Ergänzung galt, hat sich zu einem hochspezialisierten Profisystem entwickelt. Im Zentrum dieser Transformation steht ein historisches Experiment – und Namen, die den Weg von der Jugendförderung bis zur ersten WM-Medaille der DBB-Geschichte verkörpern.

Vollzeit-3x3 als Pionierprojekt

 

Lange Zeit rekrutierten sich internationale 3x3-Kader aus Fünf-gegen-Fünf-Spielern, die in den Sommermonaten gemeinsame Einheiten absolvierten. Bundestrainer Matthias Weber und Disziplintrainer Robert Birkenhagen wählten jedoch einen radikalen Pionieransatz: das gezielte Ausbilden sehr junger Athleten zu reinen 3x3-Spezialisten auf Vollzeitbasis.

Fundament dieses Projekts ist ein eingespieltes Trio aus Niedersachsen: Fabian Giessmann, Denzel Agyeman und Linus Beikame. Die drei Akteure spielen seit ihrer Kindheit zusammen, schlossen im Frühjahr 2024 die Schule ab und unterschrieben zeitgleich Profiverträge. Sechsmal die Woche trainieren sie am Olympiastützpunkt in Hannover. Das klare Fernziel der Roadmap ist die Etablierung in der Herren-Weltklasse und die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.

Während Fabian Giessmann – im Alter von 13 Jahren vom aktuellen Coach auf einem Fußballplatz entdeckt und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen – den Sport auch als Möglichkeit nutzt, seine Familie abzusichern, verbindet das Team vor allem der Traum von der NBA. 

Denzel Agyeman ist einer der beim Turn-Klub Hannover aktiven Spieler, die als Fundament für das 3x3-Projekt zählen.

Physisches Lehrgeld und der U23-Triumph

 

Der Weg an die Spitze verlief nicht ohne Rückschläge. Bei der Herren-Europameisterschaft in Wien sammelte das blutjunge Team bitteres Lehrgeld. Gegen etablierte, physisch dominante Teams wie Spanien und den Serien-Champion Serbien folgte das Aus in der Vorrunde. Die Schnittstelle von Nachwuchs- zu Herren-Basketball offenbarte Lücken in der Entscheidungsfindung unter hoher physischer Bedrängnis.

Das Trainergespann nutzte die Niederlage als Wendepunkt. Anstatt das System zu hinterfragen, wurden Intensität im Kraftraum und taktische Disziplin verschärft. Die Reaktion folgte nur wenige Wochen später bei der U23-Weltmeisterschaft: Ungeschlagen zog das deutsche Team ins Endspiel ein und schlug dort den favorisierten Titelverteidiger USA. Fabian Giessmann, der das Team mit hohem Ehrgeiz  anführt, verwandelte den entscheidenden Gamewinner und wurde zum MVP des Turniers gekürt. Ein erster Nachweis für das internationale Potenzial des Hannoverschen Modells.

 

Die Rekord-Weltmeisterschaft in Ulaanbaatar

 

Das Vertrauen in den gemeinsamen Weg zahlte sich im Herrenbereich vollends aus. Nach dem Gewinn der Deutschen 3x3-Meisterschaft mit den 3x3 Baskets Bonn Telekom / Turn-Klubb zu Hannover erbrachte das DBB-Team beim FIBA 3x3 World Cup 2025 in Ulaanbaatar den endgültigen Nachweis seiner Klasse auf internationalem Parkett. Nach einer überzeugenden Gruppenphase und einem dramatischen 19:18-Achtelfinalsieg gegen die Niederlande folgte im Viertelfinale der emotionale Höhepunkt: Deutschland dominierte das Team der USA mit 22:14. Erst im Halbfinale gegen Spanien (15:21) und im Spiel um Platz 3 gegen Serbien (16:21) musste sich das junge Team knapp geschlagen geben. Der 4. Platz bedeutete zu diesem Zeitpunkt das beste Ergebnis, das eine deutsche Herren-3x3-Nationalmannschaft jemals bei einer Weltmeisterschaft erzielt hatte.

Auch beim anschließenden Europe Cup 2025 in Kopenhagen unterstrich das Team seine neue Rolle in der Weltspitze und belegte nach engen Halbfinal- und Bronzespielen gegen Lettland und Italien erneut einen hervorragenden 4. Platz.

Bei der 3x3-Weltmeisterschaft 2026 in Warschau holte Deutschland mit Silber die erste WM-Medaille für die Herren.

Der Durchbruch: Silber in Warschau

 

Beim FIBA 3x3 World Cup vom 1. bis 7. Juni in Warschau schrieb das deutsche Herren-Team endgültig Geschichte. Mit einem leicht veränderten Aufgebot – Denzel Agyeman und Fabian Giessmann wurden diesmal von Kevin Bryant und Niklas Kropp statt Linus Beikame komplettiert – marschierte das DBB-Team nahezu ungeschlagen durchs Turnier: Siege in der Gruppenphase gegen Japan, Neuseeland, die Niederlande und China brachten den direkten Einzug ins Viertelfinale, wo Österreich mit 21:19 bezwungen wurde. Im Halbfinale setzte sich Deutschland in einem Krimi gegen Frankreich mit 19:18 durch.

Erst im Finale gegen Lettland, den amtierenden Vizemeister, war Endstation: Nach einer 6:2-Führung zu Beginn musste sich das DBB-Team am Ende mit 15:20 geschlagen geben. Dennoch: Es ist die allererste WM-Medaille überhaupt für den Deutschen Basketball Bund im 3x3-Bereich der Herren – nach Platz vier im Vorjahr nun der Sprung aufs Podium. Denzel Agyeman wurde zusätzlich ins Team des Turniers gewählt.

 

Mission Olympia 

Die Evolution des deutschen 3x3-Herren-Nationalteams zeigt, dass gezielte Spezialisierung und langfristige Teambildung im modernen Basketball Früchte tragen. Aus den Nachwuchsspielern, die bei der Herren-EM in Wien noch physisches Lehrgeld zahlten, ist über die Stationen Ulaanbaatar und Kopenhagen bis hin zur Silbermedaille von Warschau ein Herren-Ensemble gewachsen, das mittlerweile zur Weltspitze zählt und mit Basketball-Großmächten auf Augenhöhe agiert. Die Mission Olympia 2028 ist damit kein Experiment mehr, sondern nach der ersten WM-Medaille der Geschichte des deutschen 3x3 ein greifbares, realistisches sportliches Ziel.

Autor: Kijanusch Holz | Stand der Daten: 1.8.2026 | Fotocredits: GettyImages

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