Nur Talent reicht nicht
(Meinung von BASKET-Redakteur Kijanusch Holz)
Der Kader der San Antonio Spurs ist nicht schlecht, sonst hätten sie die so hochge- wetteten Oklahoma City Thunder nicht aus den Playoffs geschmissen. Doch sind sie stark genug, um im nächsten Jahr den letzten wichtigen Schritt zu machen und sich die Trophäe zu holen, wenn sie nichts an ihrem Kader verändern? Meine Antwort lautet: nein!
Die Final-Serie gegen die New York Knicks offenbarte große Probleme. Zum einen funkti- onierte die Guard-Wemby-Rotation nicht, wo- durch OG Anunoby zu einem großen Dorn im Auge wurde. Das ist aber längst nicht alles. Die Spurs lagen über die meiste Zeit der Serie in Führung, gewannen aber nur ein Spiel. Wenn man dann noch die entscheidenden Phasen der Spiele betrachtet, fällt auf, wie nervös das Team von Mitch Johnson war. Falsche Entscheidungen, wie der Outlet-Pass von Wembanyama an den Rücken von Stephon Castle in Spiel zwei, kosteten die Spurs die knappen Spiele.
Man könnte natürlich sagen: Der Kader ist jung, sie werden lernen, in Drucksituationen besser umzugehen. Da gehe ich definitiv mit, aber es fehlt dennoch ein selbstbewusster Ve- teran, der in wichtigen Situationen das Team anführt. Hier fällt der Blick auf De’Aaron Fox. Der ehemalige „Clutch Player of the Year“ blieb stark hinter den Erwartungen zurück, und das nicht nur in der Crunchtime. Die Franchise aus Texas hat den Point Guard verpflichtet, damit er die nötige Erfahrung, gepaart mit All-Star-Leistungen, ins Team bringt. Stattdessen: nicht mal 20 Punkte pro Spiel, Tendenz absteigend sowie eine hohe Fehleranfälligkeit in den Playoffs. Es war sei- ne schlechte Entscheidungsfindung, die die Knicks in Spiel vier wieder ins Spiel brachte.
Für einen Spieler, der im nächsten Jahr beinahe 50 Millionen Dollar verdient, ist das nicht tragbar. Man stelle sich vor, was die Spurs mit einer gezielten Verstärkung an- stellen könnten – vor allem, wenn man be- denkt, dass hinter Fox ein junges Juwel war- tet: Dylan Harper. Der 20-Jährige war mit 18 Punkten der zweitbeste Scorer in den Finals und strahlte mehr Reife aus als Fox. In puncto Spielzeit und Rolle wurde er jedoch zu klein gehalten. Das muss sich in der kommenden Saison ändern. Demnach kann man Fox ohne schlechtes Gewissen abgeben und im Aus- tausch auf Erfahrung setzen, die dem jungen Team den nötigen Halt gibt.
Ist das Front Office mutig, dann lernt es aus der vergangenen Saison und baut um seinen talentierten Kader eine Festung, die kaum noch zu bezwingen ist – denn das Potenzial ist definitiv vorhanden.
Geduld ist kein Stillstand
(Meinung von BASKET-Redakteur Zawadi Mograbi)
Natürlich juckt es nach so einer Niederlage immer in den Fingern. Die Spurs haben ein Finale verloren, ihre Schwächen wurden gnadenlos offengelegt. Nun steht der Sommer vor der Tür – da ruft der Reflex fast automatisch: Macht was! Holt erfahrene Hilfe! Verändert den Kader! Ich wäre als Spurs-Front-Office trotzdem vorsichtig ...
San Antonio stand nicht zufällig gerade in den Finals. Das war kein blamables Aus in Run- de eins, nicht irgendwo im Niemandsland der Western Conference. Es waren die Finals. Mit einem Team, das an vielen Stellen noch nicht fertig ist. Stephon Castle ist noch jung, Dylan Harper noch jünger, Carter Bryant roh, aber ex- trem spannend. Selbst die Rolle von De’Aaron Fox ist noch nicht endgültig sortiert. Das, was in San Antonio passiert, ist vergleichbar mit ei- ner zarten Blume, die gegossen und gepflegt werden muss, damit sie wachsen kann. Warum also sollte man jetzt mit dem Bagger kommen und alles umpflügen, nur weil es nicht auf An- hieb mit dem Titel geklappt hat?
Ja, die Knicks waren reifer, klarer, abgezockter. Aber genau das ist der Punkt: Man- che Dinge kannst du nicht einkaufen, du musst sie erleben. Ein Finale zu verlieren ist enorm schmerzhaft, das sieht man allein bei Wembanyama deutlich. Doch gleichzeitig ist das die beste Schule der Welt.
Die NBA-Geschichtsbücher sind voll von Teams, die erst auf die Nase bekommen mussten. Die Heat verloren 2011 gegen Dallas, wurden ausgelacht, zerlegt, infrage gestellt – und gewannen danach zwei Titel. Auch die Pistons scheiterten 1988 knapp an den Lakers, bevor sie 1989 mit ihrer gewach- senen Gruppe Meister wurden. Und auch die Spurs selbst müssen nicht weit in ihrer eige- nen Geschichte graben. 2013 verloren sie auf brutalste Art gegen Miami und kamen 2014 mit demselben Kern zurück – diesmal reichte es für die Larry-O’Brien-Trophäe. Das heißt nicht, dass San Antonio gar nichts tun soll. Kleine Korrekturen? Klar. Mehr Größe auf dem Flügel, ein verlässlicher Backup-Big, etwas Shooting – alles sinnvoll. Aber sie sollten den Kern unbedingt zusammenhalten. Die Spurs haben gerade ein Luxusproblem. Junge Spie- ler sind besser und schneller gewachsen als erwartet. Jetzt geht es darum, Rollen sauber zu finden, nicht sofort die halbe Rotation infrage zu stellen.
Wer so nah dran war, muss nicht automatisch alles verändern. Manchmal muss man einfach wiederkommen – mit denselben Jungs, aber mehr Narben, mehr Ruhe und mehr Wissen.
Dieser Beitrag erschien zuerst in BASKET 07-08/2026
Autoren: Kijanusch Holz & Zawadi Mograbi | Stand der Daten: 19. Juni 2026 | Fotocredits: GettyImages

