OG Keemo und der Basketball – Was wäre, wenn?

Wie OG Keemo das "Was-wäre-wenn" einer Basketballkarriere zur Grundlage seiner Musik machte.

Kijanusch Holz

24. August 2026

Auf „Draftday", einem Track von der 2022 erschienenen EP „Was wäre wenn", entwirft OG Keemo ein fiktives Szenario aus dem Jahr 2012: ein Streetball-Court, ein überdimensioniertes Trikot, ein Wurf mit der Lässigkeit eines jungen Ray Allen im Celtics-Dress – und am anderen Ende der Leitung ein Scout aus Los Angeles, der ihm eine große Zukunft voraussagt.

Ob OG Keemo tatsächlich die Chance hatte, eines Tages bei den Lakers zu spielen, sei dahingestellt – sicher ist nur, dass er dieses „Was-wäre-wenn" in seinem Werk immer wieder verarbeitet. Im weiteren Verlauf von „Draftday" beschreibt er, wie er sich gegen den Basketball und für die Straße entschied – einen anderen Weg, den er in verschiedenen Teilen seines Schaffens künstlerisch verarbeitet hat. Hervorzuheben ist dabei sein Konzeptalbum „Mann beißt Hund".

Wo alles begann: der Basketballplatz

 

Der Basketball brachte Karim Joel Martin, besser bekannt als OG Keemo, und seinen Partner und Produzenten Funkvater Frank überhaupt erst zusammen. Wie beide in einem Interview mit HipHop.de erzählen, lernten sie sich als Zwölf- oder Dreizehnjährige beim Basketball in ihrem Ort kennen und spielten gemeinsam mit einem weiteren Freund im selben Team – Frank rappte zu dieser Zeit schon nebenbei.

Der Sport war damit nicht nur der Ursprung einer prägenden künstlerischen Partnerschaft, sondern zieht sich seither als klare Linie durch die gesamte Diskografie. Er dient als Metapher für Fokus, aber auch als Mahnmal für ein anderes, nicht gelebtes Leben.

OG Keemos zweites Studioalbum „Mann beißt Hund" (2022) gilt als kompromissloses Meisterwerk des deutschen Hip-Hop. Inhaltlich dreht sich das Werk um die Beziehungsdynamik zwischen drei zentralen Figuren, die – nach Keemos eigenen Angaben halbfiktiv – verschiedene Facetten seiner Biografie und seines Umfelds bündeln: Karim gerät über die Bekanntschaft mit dem abgebrühten Ticker Malik und dem verschlossenen, gebrochenen Yasha in einen Strudel aus Straßenalltag und Perspektivlosigkeit. Die Stücke bewegen sich dabei zwischen roher Energie und tiefster emotionaler Schwere. Besondere Schlüsselmomente des Albums zeigen die existenziellen Abgründe wie den Suizid der Figur Yasha, oder die Passagen, in denen Keemo die verzehrenden Schuldgefühle darüber verarbeitet, den sozialen Aufstieg geschafft zu haben, während Freunde zurückblieben oder ihr Leben verloren. Am Ende bleibt „Mann beißt Hund" eine düstere, poetische Bestandsaufnahme über Trauma, Depression und das Überleben in engen Verhältnissen.

 

Der Basketball bietet auch in diesem teilweise verlorenen Lebensmuster keine Aushilfe. Im Song „2009“ erzählt Keemo:

„Die einen knacken Fenster, die anderen Jungs spiel'n Jenga

Und pushen Bricks in sechzehn Bundesländer (Bricks)

Ständig auf der Hut vor fremden Hundefängern so wie ’09.

Sprang über Zäune, sie verfolgten mich, doch ohne Erfolg.

Ich stand 'ne halbe Stunde später auf dem Court in neuen Tretern.

Ich hätte eigentlich Profi sein soll'n, doch das 'ne andre Story"

OG Keemo mit seinem langjährigen Partner Funkvater Frank.

Der Court als wiederkehrendes Motiv

 

Keemo liebt es, in seinen Texten Vergleiche mit NBA-Größen zu ziehen: Er misst sich mit der Dominanz eines jungen Kobe Bryant – dem er sogar einen eigenen Song widmet („Kobe", 2017) – spittet Namen wie Manu Ginobili oder trägt die „Siebzehn am Rücken wie Dennis Schröder“ in seinem Song Galgen im Album Fieber. Es scheint fast so, als biete ihm der Court einen Ort, an dem er sich wohlfühlen kann – für Vernunft, für einen Teil seines Lebens, der für ihn nicht wegzudenken ist.

Auch wenn es mit der sportlichen Karriere nicht klappte, lässt sich aus Keemos Texten eine Art Schadensanalyse zusammensetzen. Es sei nach ihm kein Mangel an Talent gewesen, sondern das schleichende Überhandnehmen schwieriger Verhältnisse. Der strikte Takt des Leistungssports – Frühschichten, Trainingspläne, die totale Unterordnung unter ein Reglement – kollidierte mit dem „echten“ Leben. In seinen Texten dokumentiert der Rapper den Einfluss von Substanzkonsum, schnellem Geld und falschen Weichenstellungen zur falschen Zeit. Wenn der Alltag brennt und die Straße lauter wird als die Fernziele des Sports, verliert das Training seinen Halt. Der Traum als Basketball-Profi verlangt absolute Askese; das Viertel zieht an ihm mit unmittelbarer Wucht.

Die Kraft weg vom Korb

 

Keemos Diskografie steht exemplarisch für ein bekanntes Muster im Nachwuchssport. Auf den Freiplätzen urbaner Zentren bewegen sich unzählige Spieler mit herausragendem Potenzial, die es nie in die Hallen der Profiligen schaffen. Der Verlockung des „schnellen Geldes" – dem kurzfristigen Ertrag, dem Exzess, den späten Nächten – steht die monotone Disziplin eines Profi-Athleten gegenüber. In einem Umfeld, das von Druck und Perspektivlosigkeit geprägt ist, wirkt diese Form der Disziplin oft fremd. Das Nachtleben bietet dafür andere Vorteile. Den Kampf, in diesen Strukturen auf der Bahn zu bleiben, verlieren viele der talentiertesten Akteure.

OG Keemo hat den Ausstieg aus dieser Abwärtsspirale wohl vollzogen – über einen Umweg. Der Traum vom Parkett ist geplatzt, doch die Energie des Sports ist geblieben. Er hat sie kanalisiert und in seine Architektur aus Sprache und Beats übertragen. Heute gehört er zu den prägendsten Protagonisten der Szene.

 

 

"IN VERTIGO" - Eine Empfehlung

 

Wer noch tiefer in den Kosmos von OG Keemo eintauchen möchte, findet in der ZDF-Mediathek ein außergewöhnlich gelungenes Porträt des Ausnahmekünstlers. Unter dem Aufmacher „OG Keemo stellt sich seinen Dämonen“ begleitet die Dokumentation den Rapper und sein Team bei der Arbeit am neuen Album. Die vierteilige Dokuserie blickt dabei hinter die Kunstfigur: Abseits des Bühnenlichts geraten komplexe Themen wie Depressionen, Bindungsängste und Isolation ebenso präzise ins Blickfeld wie die Tragfähigkeit von Freundschaften und familiären Banden.

Autor: Kijanusch Holz | Stand der Daten: 1.8.2026 | Fotocredits: Bild 1: ZDF/Joel Novelle/ Andreas Rusch/The Unicorn; Bild 2: ZDF/Maïscha Souaga

Kijanusch Holz

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