Als Sam Hinkie im Frühjahr 2013 die Philadelphia 76ers übernahm, war seine Idee ebenso einfach wie radikal. Anstatt Jahr für Jahr um die hinteren Playoff-Plätze zu kämpfen, sollte Philadelphia bewusst einen Schritt zurückgehen. Hohe Draftpicks, junge Talente und Geduld sollten langfristig die Grundlage für einen echten Titelkandidaten bilden.
Was folgte, wurde zu einem der umstrittensten Experimente der modernen NBA. Die Sixers gewannen 2013/14 nur 19 Spiele, ein Jahr später 18 und 2015/16 gerade einmal zehn. 47 Siege in drei Jahren, dazu zwischenzeitlich 28 Niederlagen in Folge. Philadelphia wurde zum Sinnbild des Tankings.
Doch mitten in dieser sportlichen Bedeutungslosigkeit fand die Franchise 2014 tatsächlich den Spieler, der die gesamte Strategie rechtfertigen sollte: Joel Embiid.
Der Center aus Kansas wurde an dritter Stelle gedraftet, musste aufgrund eines Fußbruchs allerdings zunächst zwei komplette Spielzeiten aussetzen. Erst 786 Tage später gab er sein NBA-Debüt – und spätestens da wurde sichtbar, warum Philadelphia gewartet hatte. Embiid kam in seiner ersten Saison auf 20,2 Punkte, 7,8 Rebounds und 2,5 Blocks.
Aus einem abstrakten Plan hatte Philadelphia plötzlich einen Franchise-Spieler.
Ein Wurf veränderte die Geschichte des Process

Ein Wurf, der die Geschichte des "Process" veränderte: Kawhi Leonards legendärer Game-7-Buzzer-Beater beendete 2019 Philadelphias Titelhoffnungen - Toronto wurde anschließend NBA-Champion.
Neben Embiid sammelten die Sixers weitere Top-Picks. 2016 kam Ben Simmons als Nummer eins, 2017 folgte Markelle Fultz ebenfalls an erster Stelle. Simmons wurde Rookie of the Year, Embiid zum All-Star und Philadelphia gewann 2017/18 bereits 52 Spiele. Der jahrelange Verzicht schien sich endlich auszuzahlen.
Ein Jahr später wollte die Franchise nicht länger warten. Jimmy Butler und Tobias Harris kamen während der Saison. Gemeinsam mit Embiid, Simmons und JJ Redick entstand ein Team, das nicht mehr irgendwann um eine Meisterschaft kämpfen sollte. Es sollte sie jetzt gewinnen.
Wie nah Philadelphia diesem Ziel tatsächlich war, zeigte sich in Game 7 der Conference Semifinals gegen Toronto.
Kawhi Leonard nahm mit auslaufender Uhr den letzten Wurf. Der Ball sprang mehrfach auf den Ring – und fiel schließlich hinein. Toronto gewann 92:90, wurde wenige Wochen später NBA-Champion und Joel Embiid verließ das Parkett unter Tränen.
Es waren nur wenige Sekunden. Rückblickend wirken sie wie die Weggabelung der gesamten Process-Ära.
Denn der nächste Versuch wurde nicht besser.
Aus dem langfristigen Plan wurde permanenter Neustart
Jimmy Butler verließ Philadelphia 2019 Richtung Miami. Stattdessen investierten die Sixers 180 Millionen Dollar in Tobias Harris und insgesamt enorme Summen in Harris und Al Horford. Das Ergebnis war ein unausgewogener Kader, dem nach den Abgängen von Butler und JJ Redick wichtige Elemente fehlten. 2020 folgte in der Bubble ein 0:4 gegen Boston.
Danach zerbrach auch das zweite große Fundament des Process.
Ben Simmons war nach dem Playoff-Aus gegen Atlanta 2021 massiver Kritik ausgesetzt. Seine fehlende Aggressivität und lediglich 34,2 Prozent von der Freiwurflinie wurden zum Symbol des Scheiterns. Wenig später wollte Simmons nicht mehr für Philadelphia spielen. 2022 wurde er nach Brooklyn getradet.
Markelle Fultz war bereits Jahre zuvor gegangen.
Zwei Nummer-1-Picks, die neben Embiid die Zukunft der Franchise bilden sollten, waren damit verschwunden. An ihre Stelle traten James Harden und ein wesentlich unscheinbarerer Draftpick: Tyrese Maxey, 2020 erst an Position 21 ausgewählt.
Der ursprüngliche Process war zu diesem Zeitpunkt kaum noch wiederzuerkennen. Philadelphia tankte längst nicht mehr. Die Sixers versuchten stattdessen immer wieder, Embiids beste Jahre durch neue Stars zu maximieren.

Ausgerechnet der 21. Pick des NBA Draft 2020 entwickelte sich zu einem der größten Erfolge der Process-Ära. Tyrese Maxey wurde vom Hoffnungsträger zum neuen Franchise-Star an Embiids Seite.
Selbst der MVP konnte Philadelphia nicht erlösen
Individuell erreichte Embiid 2023 schließlich das, was sich Philadelphia bei seiner Auswahl neun Jahre zuvor erhofft hatte. Mit 33,1 Punkten, 10,2 Rebounds und 4,2 Assists wurde er zum MVP der NBA. Neben ihm führte James Harden die Liga bei den Assists an.
Und wieder schien Philadelphia kurz davor zu sein, endlich die Grenze zu überwinden.
Gegen Boston führten die Sixers im Conference-Halbfinale mit 3:2. Dann verloren sie zwei Spiele in Folge. In Game 7 kamen Embiid und Harden zusammen auf nur 24 Punkte bei 8 von 29 aus dem Feld, während Jayson Tatum mit 51 Punkten Geschichte schrieb.
Wenig später implodierte auch diese Konstellation. Harden fühlte sich von Daryl Morey hintergangen, bezeichnete ihn öffentlich als Lügner und erzwang schließlich seinen Trade zu den Los Angeles Clippers.
Trainer wechselten. Mitspieler kamen und gingen. Ben Simmons, Jimmy Butler, Tobias Harris, James Harden und später Paul George – Embiid blieb.
Und genau darin liegt die vielleicht größte Tragik des Process.
Philadelphia hatte mit seiner Strategie tatsächlich das schwierigste Ziel erreicht: Die Franchise hatte einen MVP gefunden. Einen Spieler, der gut genug war, um Mittelpunkt eines Champions zu sein.
Nur war er zu selten gesund, wenn Philadelphia ihn am dringendsten benötigte.
Bis einschließlich 2024/25 hatte Embiid lediglich 452 von 883 möglichen Spielen bestritten – 51,2 Prozent. Fuß, Meniskus, Orbita, Daumen, erneut das Gesicht, erneut der Meniskus und schließlich wieder das Knie: Seine Karriere wurde zu einem ständigen Kampf zwischen außergewöhnlicher Dominanz und dem eigenen Körper.

Mit James Harden bekam Joel Embiid 2022 erneut einen Superstar an seine Seite. Trotz individueller Erfolge und Embiids MVP-Saison blieb auch dieses Star-Duo ohne den erhofften Durchbruch in den Playoffs.
Der Process schien tot – Philadelphia machte trotzdem weiter
Paul George sollte 2024 noch einmal helfen, das Titelfenster offen zu halten. Gleichzeitig entwickelte sich Maxey endgültig zum Star, Rookie Jared McCain schlug sofort ein und mit VJ Edgecombe kam 2025 das nächste junge Talent hinzu.
2025/26 folgte dann eines der ungewöhnlichsten Kapitel dieser Geschichte. Philadelphia beendete die Regular Season nur auf Platz sieben im Osten. Maxey erzielte 28,3 Punkte pro Spiel, Embiid kam trotz lediglich 38 Einsätzen auf 26,9 und Edgecombe steuerte als Rookie 16,0 Punkte bei.
In der ersten Playoff-Runde lag Philadelphia gegen Boston mit 1:3 zurück – eine Ausgangslage, aus der die Franchise zuvor noch nie eine Serie gewonnen hatte. Dieses Mal gelang es. Die Sixers holten drei Spiele in Folge und gewannen Game 7 im TD Garden mit 109:100. Embiid erzielte 34 Punkte und zwölf Rebounds, Maxey 30 und Edgecombe 23.
Danach war die Energie aufgebraucht. New York sweepte Philadelphia mit 4:0. Wieder kein Titel. Wieder keine Finals.
Zu diesem Zeitpunkt hätte „Trust the Process“ endgültig als Geschichte aus einer vergangenen NBA-Generation gelten können.
Doch Philadelphia entschied sich ein weiteres Mal dafür, alles zu riskieren.
Und plötzlich steht dort vielleicht der spektakulärste Kader der Process-Ära
Paul George verließ die Sixers in einem Trade für Jaylen Brown, Anfernee Simons verstärkte zusätzlich den Backcourt. Der größte Name folgte anschließend: LeBron James schloss sich Philadelphia an.
Damit könnte die Starting Five der Sixers aus Tyrese Maxey, VJ Edgecombe, Jaylen Brown, LeBron James und Joel Embiid bestehen.
Allein die Namen machen diesen Kader außergewöhnlich. Maxey befindet sich längst auf Star-Niveau. Brown bringt die Erfahrung eines Champions mit. Edgecombe steht für die nächste Generation. LeBron ist einer der größten Basketballspieler aller Zeiten. Und Embiid bleibt, wenn sein Körper mitspielt, einer der dominantesten Big Men der NBA.
Auf dem Papier ist es möglicherweise der spektakulärste Kader, den Philadelphia in der gesamten Process-Ära zusammengestellt hat.
Und genau hier schließt sich nach mehr als einem Jahrzehnt ein bemerkenswerter Kreis.
Der Process begann mit der Überzeugung, dass Mittelmaß der gefährlichste Ort in der NBA sei. Philadelphia wollte lieber jahrelang verlieren, als dauerhaft gut, aber niemals großartig zu sein. Die Franchise sammelte Draftpicks, entwickelte Talente und akzeptierte öffentliche Kritik, weil irgendwann ein Kader entstehen sollte, der genügend außergewöhnliche Spieler für eine Meisterschaft besitzt.
Zwischenzeitlich schien dieser Traum längst gestorben.
Heute steht Philadelphia trotzdem wieder genau dort, wo Sam Hinkie die Franchise irgendwann hinbringen wollte: mit einer Ansammlung außergewöhnlichen Talents und einer realistischen Chance, alles zu gewinnen.
Nur hat sich eine Sache komplett verändert.
2013 war die wichtigste Ressource des Process Zeit.
2026 ist sie sein größter Gegner.
LeBron befindet sich am Ende seiner Karriere. Embiids Körper bleibt ein permanentes Fragezeichen. Und nach mehr als einem Jahrzehnt voller Nummer-1-Picks, Blockbuster-Trades, MVP-Saisons, Verletzungen und Playoff-Enttäuschungen gibt es kaum noch eine nächste Entwicklungsstufe, auf die Philadelphia warten könnte.
„Trust the Process“ war einmal das Versprechen, dass sich Geduld irgendwann auszahlen würde.
Jetzt braucht Philadelphia keine Geduld mehr.
Jetzt braucht Philadelphia einen Titel.
Autor: Nick Bykov | Stand der Daten: 31. August 2026 | Fotocredit: Getty Images

