Nach drei Spielen könnte man es sich einfach machen. Deutschland hat zwei gewonnen, eines verloren, steht in der nächsten Runde und bekommt gegen Südkorea die Chance, ins Viertelfinale einzuziehen. Mindestziel erreicht, Heim-WM weiter am Leben.
Doch das würde dieser Gruppenphase kaum gerecht werden.
Denn innerhalb von nur vier Tagen haben die DBB-Frauen beinahe die komplette emotionale Bandbreite eines Turniers erlebt: vom 30-Punkte-Debakel gegen Spanien über eine dringend benötigte Reaktion gegen Japan bis hin zum bislang vielleicht komplettesten deutschen Auftritt dieser Weltmeisterschaft gegen Mali.
Das Interessanteste daran ist weniger die Bilanz von 2:1. Es ist die Entwicklung, die dazwischen stattgefunden hat.
Spanien war der Reality Check

Alexandra Wilke verteidigt den Ball gegen Spanien. Beim 53:83 zum WM-Auftakt offenbarte Deutschland vor allem offensiv fehlende Automatismen und bekam gegen die spanische Intensität kaum Zugriff auf die Partie.
Das 53:83 zum Auftakt war nicht einfach nur eine Niederlage. Spanien legte Probleme offen, die angesichts der schwierigen Vorbereitung vielleicht zu erwarten waren – in ihrer Deutlichkeit aber trotzdem erschreckten.
Deutschland wirkte offensiv statisch, fand gegen die aggressive spanische Defense kaum Lösungen und produzierte lediglich zehn Assists. Spanien kam dagegen auf 21 und traf zudem 14 seiner 28 Dreier. Bereits zur Halbzeit stand es 24:50.
Natürlich gehört zur Einordnung, dass Spanien einen außergewöhnlichen Shooting-Abend erwischte. Aber die Niederlage nur auf die Trefferquote des Gegners zu reduzieren, würde zu kurz greifen. Spanien generierte die besseren Würfe, bewegte den Ball schneller und zwang Deutschland immer wieder zu Entscheidungen, auf die das DBB-Team keine Antwort fand.
Dazu kamen die bekannten Begleitumstände: Satou Sabally fehlt bei dieser WM, Nyara Sabally war nach ihrer Verletzungspause gerade erst zurückgekehrt und der vollständige Kader hatte aufgrund der WNBA-Verpflichtungen kaum gemeinsam trainieren können.
Vor einer riesigen Kulisse und mit den enormen Erwartungen an diese Heim-WM wirkte Deutschland nicht wie eine Mannschaft, die bereits ihre Automatismen gefunden hatte.
Vielleicht brauchte es genau diesen Abend.
Gegen Japan kam die Reaktion – aber noch nicht die Konstanz
Keine 24 Stunden später war gegen Japan sofort ein anderes Deutschland zu sehen. Mehr Intensität. Schnellere Entscheidungen. Mehr Physis. Vor allem aber bewegte sich der Ball.
Das erste Viertel beim 74:58 gehörte mit 28:11 zum Besten, was Deutschland bis dahin bei dieser WM gezeigt hatte. Nyara Sabally brachte mit 18 Punkten und neun Rebounds genau jene physische Präsenz, die dem Team helfen kann, während Frieda Bühner mit 19 Punkten endgültig zu einem der wichtigsten offensiven Faktoren dieses Turniers wurde. Deutschland feierte damit seinen ersten WM-Sieg seit 1998. Doch genau dieses Spiel zeigte auch, warum nach Spanien noch nicht plötzlich alle Probleme verschwunden waren. Japan stellte defensiv um, Deutschland verlor seinen Rhythmus und erzielte im zweiten Viertel gerade einmal sechs Punkte. Aus einer 17-Punkte-Führung wurde zur Halbzeit ein 34:29.
Dass daraus kein echtes Drama entstand, lag auch an einem bemerkenswert schlechten japanischen Shooting-Abend. Japan, zuvor mit 20 verwandelten Dreiern gegen Mali, traf gegen Deutschland lediglich drei seiner 27 Versuche. Die deutsche Defense verdiente dafür Anerkennung. Aber 3/27 erzählt eben nicht ausschließlich die Geschichte herausragender Verteidigung. Viel wichtiger war deshalb etwas anderes: Deutschland reagierte.
Nach dem Einbruch im zweiten Viertel gewann das DBB-Team den dritten Abschnitt mit 24:10. Anders als gegen Spanien führte eine schlechte Phase diesmal nicht dazu, dass das komplette Spiel entglitt.
Das war der eigentliche Fortschritt.

Nyara Sabally mit dem Floater gegen Japan. Die Berlinerin brachte mit ihrer Physis und Präsenz eine neue Dimension ins deutsche Spiel und war mit 18 Punkten eine Schlüsselfigur der ersten WM-Reaktion nach dem Spanien-Debakel.
Mali war der nächste Schritt
Ein Gegner, der längst nicht mehr als angenehmer Abschluss einer Gruppenphase betrachtet werden konnte. Mali hatte Spanien sensationell mit 82:73 geschlagen. Vor dem letzten Spieltag standen alle vier Mannschaften der Gruppe bei einem Sieg und einer Niederlage. Für Deutschland war theoretisch vom Gruppensieg bis zum Ausscheiden alles möglich. Unter diesem Druck zeigte Deutschland seine bislang reifste Vorstellung.
Das 83:58 war keine Gala, weil jede Minute spektakulär aussah. Es war eine Gala, weil Deutschland erstmals nicht darauf angewiesen war, dass eine einzelne Phase das Spiel entschied. Mali kam im ersten Viertel zwischenzeitlich heran. Nach der Halbzeit starteten die Westafrikanerinnen mit einem 5:0-Lauf. Emma Eichmeyer geriet früh in Foulprobleme. Trotzdem verlor Deutschland nie wirklich die Kontrolle.
Genau darin liegt der vielleicht größte Unterschied zu den ersten beiden Spielen.
Als Mali seine Verteidigung veränderte, fand Deutschland Lösungen. Der Ball lief, die offenen Würfe fielen und der Größenvorteil wurde konsequenter genutzt. Zur Halbzeit stand es 49:32, spätestens im dritten Viertel wuchs der Vorsprung auf 20 Punkte. Frieda Bühner bestätigte mit 21 Punkten endgültig ihre starke Gruppenphase und traf vier ihrer sechs Dreier. Luisa Geiselsöder spielte mit 17 Punkten ihr bislang bestes Turnierspiel. Alexis Peterson-Smalls kehrte zurück und steuerte neun Punkte sowie fünf Assists bei. Leonie Fiebich benötigte erneut keinen großen Scoring-Abend, um mit neun Rebounds und sechs Assists Einfluss auf das Spiel zu nehmen. Und hinten nahm Deutschland einem Gegner, der Spanien noch 82 Punkte eingeschenkt hatte, nahezu vollständig den Rhythmus.
Am Ende konnte Bundestrainer Olaf Lange sogar Minuten verteilen und Leistungsträgerinnen für den weiteren Turnierverlauf schonen.
Die ausführlichen Analysen zu allen Spielen der DBB-Frauen bei der Heim-WM gibt es auch in unserem Podcast „Trash Talk – der BASKET Podcast“. Dort sprechen wir über die taktischen Entwicklungen, die entscheidenden Spielerinnen und die Frage, wie weit dieses deutsche Team bei der Heim-WM wirklich kommen kann.
Frieda Bühner ist vielleicht die größte Erkenntnis
Wenn diese Gruppenphase eine Gewinnerin im deutschen Team hervorgebracht hat, führt kaum ein Weg an Frieda Bühner vorbei.
19 Punkte gegen Japan. 21 gegen Mali. Doch wichtiger als die reinen Zahlen ist die Selbstverständlichkeit, mit der Bühner Verantwortung übernimmt. Während sich offensiv noch nicht alle Rollen vollständig gefunden haben, wartet sie nicht darauf, dass das Spiel zu ihr kommt.Sie attackiert Lücken, läuft den Fastbreak, geht zum offensiven Rebound und nimmt offene Würfe mit Überzeugung.
Gerade weil Deutschland nicht davon ausgehen kann, dass Fiebich oder Sabally jeden Abend 20 Punkte produzieren, ist diese Entwicklung enorm wertvoll.
Die Wahrheit liegt zwischen Spanien und Mali
Nach dem ersten Spiel hätte man Deutschland problemlos abschreiben können. Nach dem Mali-Spiel könnte man genauso leicht wieder vom großen Medaillenlauf träumen.Beides wäre voreilig. Deutschland war wahrscheinlich nie so schlecht, wie das 53:83 gegen Spanien aussah. Aber die Mannschaft ist auch nicht plötzlich frei von Problemen, nur weil Mali mit 25 Punkten geschlagen wurde.
Die Gruppenphase hat vielmehr gezeigt, wie groß die Schwankungen dieses Teams noch sein können.
Die offensive Konstanz bleibt eine Frage. Gegen Japan standen zwischen einem 28-Punkte- und einem 24-Punkte-Viertel gerade einmal sechs Punkte im zweiten Abschnitt. Auch gegen Mali gab es nach der Pause kurzzeitig einen Bruch im Rhythmus. Und die fehlende gemeinsame Vorbereitung lässt sich während eines Turniers nicht einfach nachholen. Gleichzeitig entwickelt sich etwas.
Die Ballbewegung ist besser geworden. Der Größenvorteil wird konsequenter genutzt. Nyara Sabally findet zunehmend ihren Rhythmus. Bühner übernimmt Verantwortung. Geiselsöder meldet sich offensiv an. Peterson st zurück. Und vor allem scheint Deutschland defensiv eine Identität gefunden zu haben, auf die es sich auch dann verlassen kann, wenn offensiv nicht alles funktioniert.
Jetzt beginnt die WM eigentlich erst
Deutschland beendet die Gruppe hinter Spanien auf Rang zwei und muss deshalb den Umweg über die Qualifikation für das Viertelfinale nehmen. Dort wartet bereits am Dienstag Südkorea. Bei einem Sieg stünde am Donnerstag mit Europameister Belgien eine völlig andere Prüfung bevor. Das 83:58 gegen Mali war deshalb weder Endpunkt noch endgültiger Beweis dafür, dass Deutschland bereit für die Weltspitze ist.
Aber nach dieser Gruppenphase lässt sich zumindest eines sagen: Spanien war der Reality Check. Japan war die Reaktion. Mali war der erste Auftritt, bei dem aus dieser Reaktion echte Stabilität wurde.
Ob daraus bei dieser Heim-WM noch mehr entstehen kann, entscheidet sich jetzt.
Autor: Sami Younis | Stand der Daten: 08. September 2026 | Fotocredit: IMAGO / Beautiful Sports, IMAGO / camera4+

