Es gibt Entscheidungen in der NBA, die auf den ersten Blick kaum nachvollziehbar erscheinen. Wenn eine Mannschaft über einen hochkarätigen Kader verfügt, ihre Stars sportlich überzeugen und die finanziellen Mittel grundsätzlich vorhanden sind, müsste die langfristige Zusammenarbeit eigentlich eine Formalität sein. Doch genau diese Selbstverständlichkeit existiert in der modernen NBA immer seltener.
Die New York Knicks liefern dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Berichten zufolge liegen die Gespräche über vorzeitige Vertragsverlängerungen mit mehreren Spielern, darunter Karl-Anthony Towns und Josh Hart, vorerst auf Eis. Nach außen lässt sich dieser Schritt mit dem Wunsch erklären, die Konzentration vollständig auf die bevorstehende Saison zu richten. Bei genauerer Betrachtung offenbart die Entscheidung jedoch ein Problem, das inzwischen selbst die wirtschaftlich mächtigsten Franchises der Liga beschäftigt: Wie hält man einen erfolgreichen Kader zusammen, ohne sich dabei die Möglichkeit zu nehmen, ihn in Zukunft weiterzuentwickeln?
Die Antwort führt unmittelbar zum Collective Bargaining Agreement, dem Tarifvertrag der NBA. Genauer gesagt zu einer Regelung, deren Auswirkungen das Kräfteverhältnis innerhalb der Liga zunehmend verändern: dem Second Apron.
Wenn Geld allein nicht mehr ausreicht

Der Triumph ist geschafft, doch die nächste Herausforderung wartet bereits: Wie lange können die Knicks ihren Meisterschaftskader zusammenhalten?
Über Jahrzehnte war die Ausgangslage vergleichsweise einfach. Wer bereit war, für einen konkurrenzfähigen Kader tief in die Tasche zu greifen, konnte sportlichen Erfolg zumindest mit erheblichem finanziellen Aufwand absichern. Die Luxury Tax machte hohe Gehaltsausgaben teuer, aber nicht grundsätzlich unmöglich. Besonders finanzstarke Franchises konnten die zusätzlichen Kosten als Investition in ihre Meisterschaftsambitionen betrachten.
Der neue Tarifvertrag verändert diese Rechnung grundlegend.
Mit dem First und Second Apron hat die NBA zusätzliche Gehaltsgrenzen eingeführt, deren Überschreitung nicht nur finanzielle Konsequenzen nach sich zieht. Vielmehr greifen zunehmend sportliche Einschränkungen, die unmittelbar beeinflussen, wie eine Franchise ihren Kader zusammenstellen darf.
Besonders einschneidend ist der Second Apron. Wer diese Schwelle überschreitet, verliert wichtige Werkzeuge der Kaderplanung. So entfällt beispielsweise die Möglichkeit, die Taxpayer Mid-Level Exception einzusetzen – ein Instrument, das ambitionierten Teams bislang erlaubte, zusätzliche erfahrene Spieler zu verpflichten.
Auch der Buyout-Markt wird eingeschränkt. Gerade gegen Ende der regulären Saison nutzen Titelkandidaten häufig die Gelegenheit, sich mit Spielern zu verstärken, die zuvor aus ihren Verträgen entlassen wurden. Oberhalb des Second Apron stehen bestimmte Kandidaten jedoch nicht mehr zur Verfügung.
Noch gravierender fallen die Konsequenzen auf dem Transfermarkt aus. Mehrere kleinere Spielerverträge dürfen nicht mehr gebündelt werden, um im Gegenzug einen teureren Akteur aufzunehmen. Auch Bargeldzahlungen als Bestandteil eines Trades sind untersagt. Hinzu kommen Beschränkungen, die bereits ab dem First Apron gelten, etwa beim Erwerb von Spielern über bestimmte Sign-and-Trade-Konstruktionen.
Damit greift der Tarifvertrag unmittelbar in die sportliche Entscheidungsfreiheit der Franchises ein. Eine Mannschaft kann eine Schwachstelle erkennen, über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen und trotzdem nicht in der Lage sein, den gewünschten Spieler zu verpflichten.
Besonders langfristig wirken die Sanktionen im Draft. Unter bestimmten Voraussetzungen wird ein zukünftiger Erstrundenpick für Trades eingefroren. Bleibt eine Franchise über mehrere Jahre wiederholt oberhalb der zweiten Gehaltsgrenze, kann dieser Pick sogar ans Ende der ersten Runde verschoben werden.
Die Botschaft der Liga ist eindeutig: Wer dauerhaft einen extrem teuren Kader unterhält, soll dafür nicht nur bezahlen, sondern auch sportliche Nachteile in Kauf nehmen.
Karl-Anthony Towns und die Frage nach dem Marktwert
Für die Knicks wird dieses System insbesondere bei Karl-Anthony Towns relevant. Der vielseitige Big Man gehört zu den prominentesten Spielern des Kaders und verfügt über die sportliche Qualität, die auf dem heutigen NBA-Markt außergewöhnlich hohe Vertragsforderungen rechtfertigen kann.
Doch genau darin liegt das Dilemma.
Ein neuer, langfristiger Vertrag mit einem Jahresgehalt im Bereich von 60 Millionen Dollar oder darüber wäre nicht bloß eine Entscheidung über Towns' individuellen Wert. Er würde zugleich festlegen, wie viel finanzieller Spielraum New York für andere Spieler, zukünftige Verpflichtungen und mögliche Veränderungen des Kaders verbleibt. Dabei darf eine entscheidende Unterscheidung nicht verloren gehen: Der Second Apron verbietet den Knicks keineswegs, ihre eigenen Stars zu verlängern. Die Franchise kann entsprechende Verträge grundsätzlich weiterhin abschließen. Problematisch werden vielmehr die Konsequenzen, die sich aus einer dauerhaft hohen Gehaltssumme ergeben. Ein hoch bezahlter Star ist deshalb nicht zwangsläufig ein schlechter Vertrag. Doch selbst ein sportlich gerechtfertigtes Gehalt kann unter den neuen Rahmenbedingungen zu einer erheblichen Belastung werden, wenn die restliche Mannschaft anschließend kaum noch verändert werden kann.
Die entscheidende Frage lautet folglich nicht allein, was Karl-Anthony Towns auf dem freien Markt wert wäre. Sie lautet auch, welchen Preis die Knicks für die langfristige Bindung ihres Centers hinsichtlich ihrer eigenen Flexibilität bezahlen müssten.

Stephen Curry erhält auch im fortgeschrittenen Karrierealter hoch dotierte Verträge. Für Kendrick Perkins ein Vorbild im Umgang mit Karl-Anthony Towns.
Was Stephen Curry mit der Situation zu tun hat
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte eine Einschätzung von Kendrick Perkins. Der ehemalige NBA-Champion und heutige ESPN-Analyst zog einen Vergleich zwischen Towns und Stephen Curry.
„Wenn ich Karl-Anthony Towns wäre, würde ich mir den älter werdenden Steph Curry und Golden State anschauen“, erklärte Perkins sinngemäß.
Dabei ging es nicht um einen möglichen Wechsel von Towns zu den Warriors. Vielmehr verwies Perkins auf die finanzielle Wertschätzung, die Curry auch im fortgeschrittenen Karrierealter von seiner Franchise erhält.
Der Vergleich besitzt allerdings eine entscheidende Einschränkung. Curry hat Golden State zu vier NBA-Meisterschaften geführt, wurde zweimal zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt und eine der erfolgreichsten Epochen der jüngeren Basketballgeschichte entscheidend geprägt. Sein Stellenwert geht damit weit über seine aktuelle sportliche Leistung hinaus.
Dennoch berührt Perkins einen grundsätzlichen Konflikt: Sollte eine Franchise ihre wichtigsten Spieler vor allem anhand ihres bisherigen Beitrags belohnen? Oder muss sie bei jeder Vertragsentscheidung konsequent berücksichtigen, welchen sportlichen Gegenwert sie in Zukunft erwarten kann?
Im Zeitalter des Second Apron ist diese Frage nicht länger nur eine Angelegenheit zwischen Management und Spieler. Sie kann über die Wettbewerbsfähigkeit einer gesamten Mannschaft entscheiden.
ESPN-Analyst Kendrick Perkins bringt Stephen Curry und die Golden State Warriors als Vergleich in die Diskussion um Karl-Anthony Towns' Zukunft bei den Knicks.
Jalen Brunson hat bereits einen anderen Weg gewählt
Dass finanzielle Kompromisse eine erhebliche Wirkung entfalten können, zeigt ausgerechnet ein anderer Knicks-Star.
Jalen Brunson entschied sich im Sommer 2024 für eine vorzeitige Vertragsverlängerung, obwohl er durch einen späteren Abschluss die Möglichkeit auf einen deutlich höher dotierten Vertrag gehabt hätte. Der Point Guard verzichtete damit auf potenzielle Einnahmen und verschaffte New York zusätzlichen Spielraum bei der langfristigen Kaderplanung.
Seine Entscheidung wurde vielerorts als außergewöhnliches Bekenntnis zur Franchise interpretiert. Gleichzeitig verdeutlichte sie, welchen Stellenwert die Gehaltsstruktur inzwischen für die sportlichen Ambitionen eines Teams besitzt.
Allerdings lässt sich daraus kaum eine allgemeingültige Erwartung an andere Spieler ableiten.
Towns und Hart befinden sich in individuellen Vertragssituationen, haben unterschiedliche Karriereverläufe hinter sich und müssen ihre wirtschaftlichen Interessen nicht zwangsläufig denselben Überlegungen unterordnen wie Brunson.
Was aus Sicht der Franchise als notwendiger finanzieller Kompromiss erscheint, kann aus Sicht eines Spielers bedeuten, auf einen erheblichen Teil seines möglichen Karriereverdienstes zu verzichten.
Gerade deshalb ist die Diskussion komplizierter als die häufig bemühte Gegenüberstellung von Loyalität und Geld. Profisportler besitzen nur ein begrenztes Zeitfenster, um ihre sportlichen Leistungen in langfristige finanzielle Sicherheit umzuwandeln. Franchises wiederum müssen Entscheidungen treffen, deren Folgen noch Jahre nach dem Abschluss eines Vertrags spürbar bleiben.

Zwei Stars, unterschiedliche finanzielle Entscheidungen: Während Brunson den Knicks bereits entgegenkam, bleibt die langfristige Zukunft von Towns ungeklärt.
Minnesota hat bereits gezeigt, wie schnell sich alles verändern kann
Dass diese Überlegungen nicht bloß theoretischer Natur sind, weiß Karl-Anthony Towns aus eigener Erfahrung. Im Frühjahr 2024 erreichte er mit den Minnesota Timberwolves die Western Conference Finals. An der Seite von Anthony Edwards und Rudy Gobert war Towns Bestandteil einer Mannschaft, die sich in der Spitze der Western Conference etabliert hatte.
Nur wenige Monate später wurde er nach New York getradet.
Der Wechsel war auch Ausdruck der wirtschaftlichen Herausforderungen, die mit Minnesotas kostspieligem Kader verbunden waren. Mehrere hoch dotierte Verträge schränkten die langfristige finanzielle Bewegungsfreiheit der Timberwolves erheblich ein. Der Abschied von Towns eröffnete der Franchise die Möglichkeit, ihre Gehaltsstruktur neu auszurichten. Damit wurde ein Spieler abgegeben, der über Jahre hinweg zu den wichtigsten Gesichtern der Organisation gehört hatte – unmittelbar nach einer der erfolgreichsten Spielzeiten der jüngeren Franchisegeschichte.
Die Parallele zur aktuellen Situation in New York ist bemerkenswert. Erneut steht Towns im Mittelpunkt einer Diskussion, bei der seine sportliche Qualität kaum der entscheidende Streitpunkt ist. Vielmehr geht es um die Frage, welche finanziellen Verpflichtungen eine Franchise langfristig eingehen möchte.
Ein Bekenntnis in Orange und Blau
Nach den Berichten über die vorerst ausgesetzten Vertragsgespräche meldete sich Towns selbst in den sozialen Medien zu Wort.
„Always Love“, schrieb der Center auf X und ergänzte zwei Herzen in den Farben der Knicks.
Eine konkrete Aussage über den Stand seiner Vertragsverhandlungen lässt sich daraus nicht ableiten. Ebenso wenig ist der Beitrag als öffentliche Kritik an der Franchise zu verstehen. Dennoch verdeutlicht er, wie aufmerksam jede Äußerung eines Spielers verfolgt wird, sobald seine langfristige Zukunft zum Diskussionsthema geworden ist.
Für New York steht unterdessen mehr auf dem Spiel als die Frage, ob Towns, Hart und weitere Leistungsträger neue Verträge unterschreiben.
Die Franchise muss entscheiden, wie sie ihre sportlichen Ambitionen mit den finanziellen Rahmenbedingungen einer Liga vereinbaren möchte, die hohe Ausgaben inzwischen gezielt mit Einschränkungen verbindet.
Der Preis einer Titelchance
Der Second Apron ist kein gewöhnlicher Bestandteil der Gehaltsabrechnung. Er verändert die strategischen Möglichkeiten ambitionierter NBA-Teams und zwingt selbst finanzstarke Organisationen dazu, ihren eigenen Erfolg unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten neu zu bewerten.
Für die Knicks entsteht daraus ein bemerkenswerter Widerspruch: Je mehr Leistungsträger sie langfristig an sich binden, desto schwieriger könnte es werden, die Mannschaft anschließend an neue sportliche Herausforderungen anzupassen.
Das bedeutet nicht, dass New York seine Stars zwangsläufig abgeben muss. Ebenso wenig wäre ein neuer Vertrag für Towns oder Hart automatisch ein Fehler. Entscheidend ist vielmehr, ob die Franchise bereit ist, die daraus entstehenden Einschränkungen über mehrere Jahre zu tragen.
Die Knicks stehen damit exemplarisch für eine NBA, in der es längst nicht mehr ausreicht, die finanziellen Mittel für einen Meisterschaftskader aufzubringen. Eine erfolgreiche Franchise muss auch dafür sorgen, dass ihr der eigene Kader nicht die Möglichkeiten nimmt, weiterhin erfolgreich zu sein.
Denn die vielleicht schwierigste Entscheidung für einen Titelkandidaten besteht inzwischen nicht darin, welche Stars er verpflichten möchte. Sondern darin, welche er sich langfristig leisten kann, ohne dabei seine Zukunft zu gefährden.
Autor: Sami Younis | Stand der Daten: 12. Oktober 2026 | Fotocredit: Getty Images

