Mentale Stärke im Basketball: „Keep it simple”

In den NBA-Playoffs reichen Talent und Taktik allein nicht aus – entscheidend ist, was im Kopf passiert. Sportpsychologe Dr. Sebastian Altfeld erklärt, wie Profis mit Druck umgehen, warum Routinen helfen und weshalb unter Stress oft der „Affe im Kopf“ übernimmt.

Zawadi Mograbi

24. August 2026

Der Kopf entscheidet – Sportpsychologe Dr. Sebastian Altfeld

HOME OF BASKET: Herr Altfeld, in den NBA-Playoffs bekommt Erfolgsdruck noch einmal eine ganz andere Wucht als in regulären Saisonspielen. Was passiert in den NBA-Playoffs mental mit einem Spieler, wenn jede Aktion plötzlich maximal aufgeladen ist?

Dr. Sebastian Altfeld: In den Playoffs ist jede Aktion wertiger, weil sie im schlimmsten Fall die Saison beenden kann. Genau dadurch springt das Gehirn schneller zum Ergebnis statt zur Handlung. Ich nenne das gern das „Big-Game-Syndrom": Spieler denken dann eher darüber nach, was passieren könnte, als darüber, was sie konkret tun müssen. Die Herausforderung besteht darin, diese automatischen Muster zu bemerken und trotzdem bei dem zu bleiben, was einen stark macht.

Viele Spitzensportler sprechen von Routinen, Visualisierung und klaren Abläufen vor großen Spielen. Warum sind Routinen und feste Abläufe unter Druck oft so entscheidend?

Es sollte nicht das Ziel sein, sich vor einem großen Spiel unbedingt sicher oder gut zu fühlen. Gerade bei großen Spielen ist dies eher unwahrscheinlich. Routinen helfen nicht, Druck oder Angst verschwinden zu lassen, sondern sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, trotz dieser Gefühle handlungsfähig zu werden. Gleichzeitig muss ein Spieler akzeptieren, dass er sich trotz guter Vorbereitung einmal nicht gut fühlen kann. Genau dann werden Routinen wichtig: Sie helfen, nicht in Aktionismus zu verfallen, sondern bei den Basics zu bleiben. „Keep it simple" ist in solchen Momenten oft der beste mentale Anker.

Woran erkennt man, dass ein Profi innerlich aus dem Tritt geraten ist – und was hilft dann, um zurück in die eigene Spur zu kommen?

Man sieht es oft daran, dass Spieler anfangen zu zögern, Dinge vermeiden oder sich in Körpersprache und Reaktion verändern. Das kann Unsicherheit sein, aber auch Frust oder Ärger. Gerade in wichtigen Spielen erlaubt man sich innerlich oft weniger Fehler, obwohl die Situation eigentlich komplexer wird. Helfen kann dann, Gedanken und Gefühle nicht sofort als Wahrheit zu behandeln. Nur weil ich mich unsicher fühle, heißt das nicht automatisch, dass ich nicht gut genug vorbereitet bin. Hilfreich sind handlungsorientierte Selbstgespräche: Was ist jetzt wichtig? Was ist meine Aufgabe? So kommt man zurück ins Hier und Jetzt.

Wie geht man während des Spiels mit Phasen um, in denen der Gegner die Oberhand hat oder bei einem selbst nichts läuft?

Solche Phasen gehören im Basketball dazu, deshalb müssen Teams darauf vorbereitet sein. Entscheidend ist, früh zu erkennen, dass man gerade in einen abrufbremsenden Zustand rutscht. Dann braucht es Klarheit: Wie kommen wir als Team wieder in einen handlungsfähigen Modus? Das kann über ein Codewort, einen Huddle oder klare Verhaltensanker passieren. Wichtig ist, nicht in Hero Ball zu verfallen und nicht vom Plan abzuweichen. Die Mannschaft muss wissen, wer übernimmt und welche Aktionen wieder Stabilität geben. Genau das sollte man im Vorfeld besprechen und trainieren, damit in kritischen Momenten nicht Chaos entsteht.

Lässt sich Clutch-Verhalten trainieren?

Ja, das lässt sich trainieren – über Drucksimulation. Den Ernstfall kann man nie komplett nachbauen, aber man kann im Training Bedingungen schaffen, die ihm näherkommen. Entscheidend ist, Druckfaktoren wie Erwartung, Konsequenzen oder Öffentlichkeit bewusst einzubauen. Ich habe mit Spielern schon um 3.000 Euro gewettet, die sie im Fall einer verlorenen Challenge an eine Organisation spenden mussten. Da springt sofort das an, was ich den „Affen im Kopf" nenne: der automatische Teil unseres Gehirns, der unter Druck schnell auf Bedrohung, Konsequenzen und mögliche Fehler reagiert. Clutch heißt für mich nicht, unter Druck Übermenschliches zu leisten, sondern so nah wie möglich an das eigene Leistungsoptimum heranzukommen.

Was unterscheidet Teams und Spieler, die an Niederlagen wachsen, von denen, die daran verkrampfen?

Der entscheidende Unterschied liegt oft darin, wie eine Niederlage verarbeitet wird. Viele Spieler haben nie wirklich gelernt, ein Spiel differenziert zu analysieren, sondern setzen Ergebnis und Leistung automatisch gleich. Dabei sind das zwei verschiedene Dinge: Nur weil ein Spiel verloren wurde, war nicht automatisch alles schlecht. Wer an Rückschlägen wächst, schafft es, genau diese Trennung vorzunehmen und strukturiert zu fragen: Was war wirklich das Problem, was war okay, was müssen wir verändern? Gefährlich wird es, wenn Enttäuschung in Aktionismus kippt. Gerade in den Playoffs ist deshalb entscheidend, auf Fakten zu schauen, nicht alles infrage zu stellen und ein Spiel schnell, aber sauber abhaken zu können.

Wie wichtig sind Führungsspieler in den kritischen Phasen des Spiels?

In guten Teams gibt es unterschiedliche Führungsrollen: den „Motivational Leader", der Energie und Intensität bringt, den „Social Leader", der für die soziale Struktur wichtig ist, und den „Task Leader", der auf dem Feld Orientierung gibt. Entscheidend ist, dass im Vorfeld geklärt ist, wer in welchem Moment wofür zuständig ist. Unter Druck hilft es enorm, wenn Verantwortung nicht erst in der Krise ausgehandelt werden muss. Führung heißt deshalb nicht nur, selbst zu performen, sondern dem Team in kritischen Momenten Stabilität zu geben.

Haben Sie dafür Beispiele aus der NBA?

Ein spannendes Beispiel sind für mich die Orlando Magic. Moritz Wagner verkörpert dort sehr stark den Motivational Leader: Er bringt von der Bank Energie, Intensität und Emotionalität rein und hat dafür offenbar auch die Akzeptanz im Team. Ein klassischer Task Leader war für mich Chris Paul – oder früher auch ein Spieler wie Tony Parker. Ein Beispiel für einen Social Leader ist für mich „Aquaman" Steven Adams von den Houston Rockets. Er wird vor allem für seine sozialen Qualitäten in einem Team geschätzt. Genau solche klaren Rollen helfen Teams gerade unter Druck enorm.

Was bedeutet Playoff-Erfahrung psychologisch wirklich?

Erfahrung kann sehr hilfreich sein, weil Spieler besser einschätzen können, was in solchen Situationen auf sie zukommt, auch emotional. Wer vergleichbaren Druck schon erlebt hat, kennt oft die eigenen Reaktionen besser und wird von ihnen nicht mehr so überrascht. Aber Erfahrung allein reicht nicht. Nur weil jemand eine Situation schon erlebt hat, hat er noch nicht automatisch die richtigen Schlüsse daraus gezogen. Lernen ist ein aktiver Prozess. Unbekümmertheit kann deshalb genauso ein Vorteil sein, wenn sie mit einer handlungsorientierten Haltung verbunden ist.

Gibt es für Sie einen Spieler, der mentale Stärke richtig gut verkörpert?

Kobe Bryant und Michael Jordan sind natürlich Paradebeispiele. Nicht, weil sie in solchen Momenten etwas Übermenschliches gemacht hätten, sondern weil sie vorbereitet waren, sich nicht vor Fehlern gefürchtet haben und im entscheidenden Moment ganz im Hier und Jetzt geblieben sind. Bei aktuellen Spielern beeindruckt mich vor allem Steph Curry. Er schafft es außergewöhnlich gut, in Drucksituationen im Moment zu bleiben und die richtige Balance zwischen Aggressivität und Klarheit zu finden. Er meditiert ja auch viel, und genau das passt dazu: Gedanken und Gefühle wahrnehmen, aber sie auch wieder ziehen lassen. Diese Fertigkeit, unter Druck nicht vom Moment weggetragen zu werden, ist für mich echte mentale Stärke.

Zur Person: Dr. Sebastian Altfeld

Der Sportpsychologe und Psychotherapeut aus Hagen/Iserlohn unterstützt diverse Leistungs- und Profimannschaften, Schiedsrichter und andere Berufsgruppen im Umgang mit Leistungsdruck, Stress und hohen Anforderungen. „Performen, wenn die Bedingungen nicht optimal sind", lautet das Motto des 39-Jährigen. Er betreut offiziell Phoenix Hagen (Pro A), die Beach-Handball Nationalmannschaft der Herren sowie zahlreiche Sportler:innen an Olympia-Stützpunkten. Gemeinsam mit Christian Luthardt entwickelte er den Online-Kurs „Ready2Perform" (ready2perform.de).

Dieser Beitrag erschien zuerst in BASKET 06/2026.

 

Autor: Zawadi Mograbi | Stand der Daten: 7. Juni 2026 | Fotocredit: GettyImages

Zawadi Mograbi

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