Es ist ein kalter Tag im Februar 2025. Kein Event, keine Bühne, keine offizielle Eröffnung. Im Konkordiapark in Chemnitz sind lediglich die Bauzäune verschwunden. Und trotzdem dauert es keine Stunde, bis der Platz voll ist. Rund 70 bis 80 Menschen stehen auf dem Court, spielen Eins- gegen-Eins, werfen locker, organisieren die ersten Spiele, als hätte es diesen Ort schon immer so gegeben. Es braucht keine Einladung, keine Erklärung, keine Inszenierung. Der Platz wird genutzt, weil er funktioniert. Genau darin liegt der Unterschied – und gleichzeitig der Beweis. Ein Basketballplatz zeigt seinen Wert nicht durch seine Existenz, sondern durch seine Nutzung. Und die entsteht nur, wenn ein Ort tatsächlich gebraucht wird und die Bedingungen stimmen. I
Im Konkordiapark ist das sofort sichtbar. Aus einem leeren Raum wird innerhalb kürzester Zeit ein sozialer Treffpunkt, ein Spielfeld, ein Rhythmus. Das war lange nicht der Fall. Der Court war da, aber er war kein Ort, an dem Basketball wirklich stattfinden konnte. Unebener Asphalt, verschlissener Boden, Körbe, die eher notdürftig als funktional waren. Spielen war möglich, aber eingeschränkt. Intensität, Kontinuität, Entwicklung – all das hatte hier keinen Raum. Wer kam, blieb selten lange. Wer spielen wollte, musste Kompromisse machen. Heute ist das anders. Mehrere Körbe, strukturierte Spielflächen, ein Belag, der Bewegung zulässt, und vor allem Flutlicht, das den Platz unabhängig von Tageszeiten macht.
Basketball endet hier nicht mehr mit Sonnenuntergang. Spiele ziehen sich in den Abend, Gruppen kommen und gehen, ohne dass der Ort an Dynamik verliert. Der Platz ist nicht mehr nur vorhanden – er wird genutzt, durchgehend. Dass dieser Wandel so unmittelbar sichtbar wird, ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis eines Prozesses, der genau darauf ausgerichtet war: einen Ort zu schaffen, der nicht nur existiert, sondern funktioniert.
Wo andere wegschauen, fängt einer an.
Genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Geschichte – nicht mit einem fertigen Plan, sondern mit dem Moment, in dem jemand entscheidet, dass ein Zustand so nicht bleiben kann. Andre Zimpel kennt den Platz, kennt die Einschränkungen, sieht aber vor allem das, was möglich wäre. Die Lage mitten in der Stadt, die Sichtbarkeit, die Menschen, die trotzdem immer wieder kommen – all das steht im klaren Widerspruch zu dem, was der Court tatsächlich bietet. Es ist kein fehlender Basketball, es sind fehlende Bedingungen.
2018 wird aus dieser Beobachtung eine Entscheidung. Keine Strategie im klassischen Sinne, kein Projekt, das irgendwo beantragt wird. Eher ein Ausgangspunkt, der sich erst im Machen formt. „Ich hab gesehen, ey, das geht nicht, das kann nicht sein. Was kann man dagegen machen?“ – dieser Satz beschreibt weniger einen Plan als eine Haltung. Der Unterschied liegt nicht darin, dass jemand ein Problem erkennt, sondern darin, dass er es nicht mehr ignoriert. Was folgt, passiert außerhalb klassischer Strukturen. Es gibt keinen Verein, der das Thema aufgreift, keine Initiative, die bereits organisiert ist, keinen politischen Zugang, über den man das Ganze anschieben könnte. Also entsteht alles aus dem, was verfügbar ist: Zeit, Energie, Eigeninitiative. Zimpel bringt sich Dinge selbst bei, die vorher keine Rolle gespielt haben. Wie man ein Video produziert, wie man eine Website aufsetzt, wie man Inhalte so formuliert, dass sie Menschen erreichen. Der erste Schritt ist dabei bewusst gewählt – nicht, weil er strategisch perfekt ist, sondern weil er überhaupt Handlung ermöglicht. Öffentlichkeit herstellen, bevor Zuständigkeiten geklärt sind. Ein Video, das den Zustand des Platzes zeigt. Eine Website, die das Anliegen bündelt. Eine Petition, die Zustimmung sichtbar macht.
Kein Budget, keine Unterstützung im Hintergrund, sondern ein Prozess, der sich im Tun entwickelt. „Ich mach einfach dieses Video, was hoffentlich irgendwo angeguckt wird… dass sich dann alle fragen, was macht man jetzt damit.“ Diese Erwartung ist bewusst offen formuliert. Es geht nicht darum, sofort Lösungen zu präsentieren, sondern darum, eine Frage zu stellen, die vorher niemand gestellt hat. Und genau das passiert. Menschen reagieren, teilen Inhalte, beginnen, über den Platz zu sprechen.
Die Reichweite wächst schneller, als man es für ein lokales Thema erwarten würde. Aus einer Einzelwahrnehmung wird ein öffentliches Anliegen. Parallel dazu bleibt es nicht bei digitalen Maßnahmen. Zimpel spricht mit Leuten vor Ort, sucht den Austausch, erklärt immer wieder, warum dieser Platz mehr sein kann als das, was er ist. Es sind keine großen Kampagnen, sondern viele kleine Kontakte, die sich über die Zeit summieren. Präsenz wird zum entscheidenden Faktor. Was hier entsteht, ist Momentum – aber ein fragiles. Aufmerksamkeit erzeugt Druck, aber sie ersetzt keine Entscheidung. Sie sorgt dafür, dass ein Thema sichtbar wird, nicht dafür, dass es umgesetzt wird. Genau darin liegt die nächste Herausforderung. Denn an diesem Punkt endet die Phase, in der man Dinge selbst kontrollieren kann. Ab jetzt geht es darum, ob aus Sichtbarkeit auch Veränderung wird.
Alle sehen es. Keiner bewegt sich.
Mit der wachsenden Aufmerksamkeit verschiebt sich der Prozess. Aus einem selbst angestoßenen Thema wird ein Anliegen, das nun in Strukturen hineinwirken muss, die anders funktionieren. Gespräche mit der Stadt finden statt, erste Rückmeldungen sind positiv, es entsteht kurzzeitig das Gefühl, dass sich etwas bewegt. Doch genau hier zeigt sich, wie träge solche Prozesse sein können. Zuständigkeiten wechseln, Ansprechpartner verschwinden, Abläufe verlieren ihre Richtung. Ein politischer Wechsel reicht aus, um den gesamten Fortschritt wieder auf Anfang zu setzen. „Zwei, drei Tage vor dem Call… hat er einfach sein Ressort gewechselt.“ Was folgt, ist kein klarer Widerstand, keine direkte Ablehnung – sondern etwas, das deutlich schwerer zu greifen ist: Stillstand. Wochenlanges Nachfassen, Anrufe, Mails, Gespräche, die ins Leere laufen. Versprechen werden gemacht, aber nicht eingehalten, Zuständigkeiten bleiben unklar, Verantwortung wird weitergegeben. „Ich habe jede Woche angerufen… bis Mai oder Juni… es hat sich nie jemand gemeldet.“
Es ist genau diese Phase, in der Projekte nicht scheitern, weil sie abgelehnt werden, sondern weil sie sich auflösen. Weil der Aufwand konstant bleibt, die Reaktion aber ausbleibt. Und genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer Idee und einem Prozess, der wirklich weitergeführt wird. Zimpel bleibt dran. Nicht punktuell, sondern kontinuierlich. Immer wieder nachfassen, immer wieder erklären, immer wieder versuchen, das Thema auf die Agenda zu bringen. Es ist kein spektakulärer Kampf, sondern ein zäher, repetitiver Prozess, der vor allem eines verlangt: Ausdauer. Der entscheidende Moment entsteht, als klar wird, dass Warten keine Option mehr ist. Statt weiter auf Rückmeldungen zu hoffen, verändert Zimpel den Ansatz. Der Prozess wird nicht mehr nur von außen angestoßen, sondern direkt in die politische Ebene getragen. Er schreibt Fraktionen im Stadtrat an, organisiert Termine, stellt das Projekt selbst vor – ohne Vermittler, ohne institutionellen Rückhalt, ohne Erfahrung in diesem Umfeld. „Du schreibst einfach mal diesen Fraktionen im Stadtrat… und fragst nach einem Termin, das vorzustellen.“
Was wie ein einfacher Schritt wirkt, ist in der Praxis ein Bruch mit dem bisherigen Ablauf. Normalerweise entstehen solche Projekte innerhalb bestehender Strukturen, mit klar definierten Rollen und Zuständigkeiten. Hier passiert das Gegenteil. Eine einzelne Person bringt ein V orhaben in ein politisches System ein und zwingt es damit zur Auseinandersetzung. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich, aber entscheidend ist: Das Projekt wird gehört. Zum ersten Mal entsteht nicht nur Aufmerksamkeit, sondern eine inhaltliche Diskussion. Aus einem Anliegen wird ein Thema, das verhandelt wird. Erste Mittel werden freigegeben, zunächst für Planung und Prüfung. Keine endgültige Entscheidung, aber ein klares Signal, dass sich etwas bewegt. Und genau das ist der Wendepunkt. Nicht, weil das Projekt an diesem Punkt abgeschlossen wäre, sondern weil es zum ersten Mal strukturell verankert ist. Aus einem individuellen Impuls ist ein Prozess geworden, der nicht mehr so einfach verschwindet.
Kein Verein. Kein Team. 1,2 Millionen
Mit der politischen Verankerung verändert sich der Rahmen des Projekts. Aus einer Idee wird ein V orhaben, das geplant, geprüft und finanziert werden muss. Prozesse werden formaler, Abläufe komplexer, Entscheidungen weitreichender. Gleichzeitig bleibt eine Konstante bestehen: Es gibt keine Organisation, die den Prozess trägt. Keine Struktur, die Aufgaben verteilt. Kein Netzwerk, das Verantwortung kollektiv übernimmt. Der Weg durch diese Phase ist weniger sichtbar, aber entscheidend. Gespräche mit Verwaltung, Abstimmungen, das Nachverfolgen von Entscheidungen – vieles davon passiert im Hintergrund, oft ohne unmittelbares Ergebnis.
Während das Projekt an Umfang gewinnt, wächst auch der Aufwand, es zusammenzuhalten. Fördermöglichkeiten werden geprüft, Konzepte angepasst, Fristen eingehalten. Es ist ein Prozess, der normalerweise von mehreren Akteuren getragen wird. Hier läuft er über eine Person. Ab 2022 nimmt die Dynamik spürbar zu. Politische Mehrheiten zeichnen sich ab, Fördermittel werden konkret, die Planung gewinnt an Verbindlichkeit. Gleichzeitig wird klar, dass es nicht mehr um eine einfache Sanierung geht. Der Platz wird neu gedacht – nicht als Kompromiss, sondern als funktionaler Raum, der langfristig bestehen kann. In diesem Zusammenhang entsteht auch ein Wettbewerb, über den die gestalterische Ausrichtung des Courts definiert wird. Entwürfe werden eingereicht, Ideen bewertet, Konzepte diskutiert. Es ist der Moment, in dem das Projekt auch visuell eine Richtung bekommt. Zimpel bleibt Teil dieses Prozesses. Nicht als formaler Entscheider, sondern als Konstante, die das Projekt von Anfang an begleitet hat. Er bringt sich ein, stellt Fragen, bleibt präsent – auch in einer Phase, in der Projekte oft von denen übernommen werden, die sie administrativ umsetzen.
2023 fällt schließlich der Beschluss. Ein öffentlicher Basketballplatz im Wert von rund 1,2 Millionen Euro wird genehmigt. Eine Summe, die in diesem Kontext alles andere als selbstverständlich ist. Und genau hier liegt der Kern dieser Geschichte. Denn dieses Projekt entsteht nicht aus einer organisierten Bewegung heraus. Es gibt keinen Verein, der es trägt, keine Initiative, die es kollektiv vorantreibt, keine Institution, die den Prozess von Beginn an strukturiert aufgebaut hat. Selbst der professionelle Basketball in der Stadt spielt dabei keine tragende Rolle. Was bleibt, ist der Ursprung. Eine Einzelperson, die über Jahre hinweg Druck aufgebaut, Gespräche geführt und den Prozess immer wieder angestoßen hat. „Ich hab das halt wirklich alleine gemacht.“ Der Satz wirkt beiläufig, fast unspektakulär. Aber er beschreibt einen Prozess, der in seiner Dimension alles andere als selbstverständlich ist. Denn am Ende steht ein öffentlich finanzierter Raum im siebenstelligen Bereich. Ein Projekt, das üblicherweise Planungseinheiten, Organisationen und gewachsene Netzwerke voraussetzt. Hier entsteht es anders. Nicht aus einem System heraus. Sondern aus der Konsequenz, es immer wieder weiterzutragen.
Was bleibt - und warum es funktioniert
Mit dem Beschluss ist das Projekt gesichert, aber noch lange nicht abgeschlossen. Im Februar 2024 beginnt der Bau im Konkordiapark. Aus Planung wird Realität, und genau in dieser Phase zeigt sich, wie anfällig selbst ein beschlossenes V orhaben noch ist. Abläufe verzögern sich, Details müssen angepasst werden, Entscheidungen ziehen sich länger als gedacht. Was vorher abstrakt war, wird konkret – und damit auch angreifbar. Zimpel zieht sich in diesem Moment nicht zurück. Im Gegenteil. Er bleibt Teil des Prozesses, sitzt in Besprechungen, verfolgt Entwicklungen, bringt sich ein, wo es möglich ist. „Da war ich auf jeder Baubesprechung dabei… damit da keinen Scheiß passiert.“
Der Satz wirkt direkt, fast roh, beschreibt aber genau das, was diese Phase ausmacht: Kontrolle durch Präsenz. Ein Projekt, das politisch beschlossen ist, muss in der Umsetzung trotzdem getragen werden. Der Anspruch ist dabei klar. Es geht nicht darum, einfach irgendeinen Platz zu bauen, sondern einen, der funktioniert – langfristig. Hochmoderne Backboards, mehrere Spielflächen, ein durchdachtes Layout, das aus dem vorherigen Wettbewerb hervorgegangen ist, und vor allem Flutlicht, das den Court unabhängig von Tageszeiten macht. Basketball endet hier nicht mehr mit Einbruch der Dunkelheit, sondern verschiebt sich in den Abend, wird Teil eines kontinuierlichen Alltags. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass selbst ein neues Projekt nicht frei von Problemen ist. Der Boden weist bereits erste Abnutzungen auf, Details in der Umsetzung bleiben hinter den Erwartungen zurück. Es sind keine grundlegenden Mängel, aber sie machen deutlich, dass selbst ein moderner Court kein statisches Endprodukt ist, sondern ein Raum, der genutzt wird – und sich dadurch verändert.
Der Platz wird fertiggestellt. Nicht perfekt, aber funktional. Und vor allem: angenommen. Die eigentliche Bewertung beginnt danach. Der Court ist konstant belebt, unabhängig von Tageszeit oder Wetter. Menschen kommen, spielen, bleiben, organisieren sich selbst. Es entstehen Spiele, Routinen, Begegnungen. Nicht, weil sie vorgegeben sind, sondern weil der Raum sie zulässt. „Instant waren da halt einfach 80 Leute oder so, aus dem Nichts.“ Dieser Moment ist mehr als nur eine Beobachtung. Er ist die Bestätigung eines Prozesses. Der Bedarf war immer da – es fehlte nur der Ort, der ihn aufnehmen konnte. Und genau darin liegt die eigentliche Bedeutung dieses Projekts. Denn dieser Platz ist nicht das Produkt eines reibungslos funktionierenden Systems. Er ist das Ergebnis von Beharrlichkeit. V on einem Prozess, der über Jahre hinweg getragen wurde, obwohl es immer wieder Gründe gab, ihn zu beenden. V on jemandem, der nicht aufgehört hat, nachzufassen, weiterzugehen, Druck aufzubauen. Oder anders formuliert: Dieser Platz existiert nicht, weil er geplant wurde. Er existiert, weil jemand nicht aufgehört hat, ihn möglich zu machen.
Autor: Sami Younis | Stand der Daten: 27.7.2026 | Fotocredits: André Zimpel

