Kiyan Anthony: Tritt der Sohn von Carmelo Anthony in große Fußstapfen?

Der nächste große Basketball-Nachname betritt die Bühne: Kiyan Anthony, Sohn von NBA-Legende Carmelo Anthony, startet seine College-Karriere in Syracuse – ausgerechnet dort, wo sein Vater zur Ikone wurde. Doch ist der 18-Jährige mehr als nur der Erbe eines berühmten Namens? Ein Blick auf seinen Werdegang, sein Spiel und die Frage, ob Kiyan Anthony das Zeug hat, seinen eigenen Platz in der NBA zu finden.

Kijanusch Holz

24. August 2026

Der nächste große Basketball-Nachname betritt die Bühne: Kiyan Anthony, Sohn von NBA-Legende Carmelo Anthony, startet seine College-Karriere in Syracuse – ausgerechnet dort, wo sein Vater zur Ikone wurde. Doch ist der 18-Jährige mehr als nur der Erbe eines berühmten Namens? Ein Blick auf seinen Werdegang, sein Spiel und die Frage, ob Kiyan Anthony das Zeug hat, seinen eigenen Platz in der NBA zu finden.

 

Made by Carmelo Anthony

Der Einfluss von Carmelo Anthony auf die Entwicklung seines Sohnes ist unverkennbar – und er geht weit über die bloße Genetik hinaus. Als privater Mentor vererbte „Melo“ nicht nur Teile seines offensiven Arsenals, sondern steuerte auch aktiv die Karriereplanung des in New York geborenen Guards. Während der zehnmalige All Star einst an der legendären Oak Hill Academy zum Star reifte, verordnete er seinem Sohn einen anderen Pfad. „Wir haben uns die High School angesehen, aber mein Vater wollte, dass ich zu Hause bleibe, da ich noch jünger war“, erklärte Kiyan später die Entscheidung gegen das Internat und für den Verbleib im familiären Umfeld.

So begann seine Laufbahn zunächst an der Christ the King High School in Queens – jenem Programm, das bereits NBA-Champion Lamar Odom hervorbrachte. Der entscheidende Schritt in seiner Entwicklung folgte jedoch im Februar 2023 mit dem Transfer an die Long Island Lutheran High School (LuHi). Gegen nationale Top-Konkurrenz schärfte der 1,96-Meter-Athlet hier sein Profil als Shooting Guard und etablierte sich als klare Nummer eins seines Teams.

Mit durchschnittlich 10,3 Punkten, 2,4 Assists und 2,3 Rebounds agierte Anthony Junior als klassischer „Volume Shooter“. Er nahm die mit Abstand meisten Würfe seines Teams – mit dem Selbstverständnis einer primären Scoring-Option.

Diese Leistungen blieben im landesweiten Recruiting nicht verborgen. Programme wie Auburn, Florida State, Ohio State, Rutgers und USC buhlten um das Talent. Doch dass das Rennen am Ende Syracuse machen würde, überraschte kaum jemanden. Bereits 2023 hatte Kiyan bei einem Besuch gemeinsam mit seinem Vater im „Orange“-Trikot posiert. Auch wenn der Junior betont, die Entscheidung autonom getroffen und keinen aktiven Druck seitens des Vaters verspürt zu haben: Die Rückkehr des Namens Anthony an die alte Wirkungsstätte wirkt wie der logische nächste Schritt in einem sorgfältig geplanten Karriere-Drehbuch.

 

Der Realitätscheck

Kiyans Start in die NCAA-Karriere kam mit einem Ausrufezeichen. Bereits bei seinem Debüt gegen Binghamton stand der Freshman 28 Minuten auf dem Parkett und lieferte mit 15 Punkten, drei Rebounds und drei Assists einen Einstand nach Maß. Es folgten dominante Auftritte gegen Delaware State (19 Punkte, Career-High) und Drexel (18 Punkte). Doch der Kontext ist entscheidend: Diese Glanzleistungen erfolgten in „Blowouts“, bei denen Syracuse die deutlich unterlegenen Gegner mit 30 bis 40 Punkten Differenz aus der Halle schoss. Sobald die Qualität der Gegner stieg, zeigte die Leistungskurve des 18-Jährigen nach unten. Während er in den ersten drei Partien noch rund 30 Minuten spielte und zweimal startete, pendelte sich seine Einsatzzeit zuletzt eher bei 20 Minuten ein. Ein exemplarisches Spiel war der knappe 62:60-Erfolg gegen Tennessee, bei dem Anthony in 17 Minuten nur sieben Punkte beisteuern konnte. Der aktuelle Saisonschnitt von 11,3 Punkten, 2,3 Rebounds und 1,5 Assists liest sich nun solide, täuscht aber nicht über einen negativen Trend hinweg, wenn man den gesamten Start betrachtet. Ein Hauptproblem liegt in der Effizienz – genauer gesagt: im Wurf.

Für einen Spieler, dessen Profil so stark über das Scoring definiert wird, sind die aktuellen Wurfquoten besorgniserregend. Besonders von „Downtown“ hat Kiyan seinen Rhythmus noch nicht gefunden. Gegen Top-Defensiven wie Houston (0 von 5) und Kansas (0 von 6) erwischte er rabenschwarze Tage. Über die ersten acht Spiele betrachtet, steht eine Dreierquote von mageren 23,3 Prozent zu Buche. Noch eklatanter ist die Schwäche an der Linie: Eine Freiwurfquote von nur 53,1 Prozent ist für einen Guard mit NBA-Ambitionen schlichtweg inakzeptabel. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, will er in den Notizbüchern der NBA-Scouts relevant bleiben.

Die sinkende Punkteausbeute lässt sich dabei keineswegs auf mangelndes Vertrauen des Trainerstabs zurückführen. Im Gegenteil: Kiyans Usage Rate von 27,1 Prozent ist die dritthöchste im gesamten Team. Das bedeutet statistisch, dass ein großer Teil der Offensive durch seine Hände läuft, sobald er auf dem Feld steht. Die Gelegenheiten sind da, die Execution fehlt momentan.

Um erfolgreichen „Winning-Basketball“ zu spielen, muss Kiyan seine Effizienz steigern. Sollte der „Shooting Slump“ anhalten, steht Coach Adrian Autry vor einer schwierigen Entscheidung: Hält er an den hohen Spielanteilen für den Prominenten-Sohn fest, um dessen Entwicklung zu forcieren, oder muss er die Minuten zugunsten effizienterer Optionen beschneiden? Zur Wahrheit gehört aber auch: Eine solche Schwächephase ist für einen Freshman völlig normal. Das spielerische Potenzial und die Anlagen sind zweifellos vorhanden. Die ersten acht Spiele sind eine Momentaufnahme – der wahre Test wird sein, wie Kiyan Anthony auf diesen ersten Widerstand seiner Karriere reagiert.

 

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Dass Kiyan Anthony das spielerische Erbgut seines Vaters in sich trägt, bestätigte unlängst Carmelos ehemaliger High-School-Coach: „Sie haben Gemeinsamkeiten: Beide können von überall aus werfen und beide verfügen über eine erstaunliche Beinarbeit. Ich sehe, dass seine Arbeitsmoral auch der seines Vaters ähnelt. Leute wie er schaffen es normalerweise.“

Doch hier enden die Parallelen. Während Carmelo Anthony als Power Forward mit bulliger Physis dominierte, interpretiert der fünf Zentimeter kleinere Kiyan die Rolle als klassischer Score-First-Guard. Wer Highlight-Dunks erwartet, wird enttäuscht – Kiyans Spiel lebt von filigranen Moves und technischer Finesse. Sein „Footwork“ bewegt sich bereits auf elitärem Level. Er nutzt diese Beinarbeit, um Kontakt zu initiieren, nur um sich dann geschmeidig mit einem Fadeaway Platz zu verschaffen – ein Signature-Move, der unverkennbar an seinen Vater erinnert. Kiyan ist nicht nur als Ballhandler gefährlich. Seine High-School-Zeit zeigte, dass er sowohl aus dem „Catch-and-Shoot“ als auch aus dem Dribbling („Pullup“) brandgefährlich sein kann. In der Saison 2024/25 nahm er für LuHi fünf Dreier pro Spiel bei einer Quote von 30 Prozent – ein Wert, der zwar noch Luft nach oben lässt, aber sein Selbstvertrauen als Volumenschütze unterstreicht. Dass er das Potenzial hat, wie eine Mikrowelle heiß zu laufen, bewies er zum Beispiel eindrucksvoll beim NBPA Top 100 Camp in Orlando: 42 Punkte und vier von neun Treffern von „Downtown“ waren eine Machtdemonstration. Unterstützt wird dieses offensive Paket von einem überdurchschnittlichen Basketball-IQ. Man merkt Kiyan an, dass er in NBA-Hallen aufgewachsen ist; sein Gespür für das „Spacing“ und die richtigen Laufwege ist intuitiv.

Das größte Fragezeichen hinter seiner NBA-Tauglichkeit ist jedoch körperlicher Natur. Mit 83 Kilogramm ist Kiyan deutlich schmaler gebaut als sein Vater in diesem Alter. Dieses Defizit wird besonders deutlich, wenn er gegen physisch starke Gegner zum Korb zieht; das Finishen durch Kontakt bereitet ihm noch erhebliche Probleme. Noch gravierender wirkt sich der fehlende Körper im defensiven Bereich aus. Um auf höchstem Level bestehen zu können, muss der 18-Jährige zwingend an Muskelmasse zulegen. Aktuell fehlt ihm die physische Robustheit, um die besten Guards vor sich zu halten oder am Brett dagegenzuhalten. Sein Weg in die NBA führt also nicht nur über den Wurf, sondern auch über den Kraftraum.

 

Kein Sprint, sondern ein Marathon

Wer Kiyan Anthony bereits im kommenden Sommer auf der großen Bühne erwartet, muss sich in Geduld üben. Aktuell ist der Shooting Guard kein Elite-Prospect. Auf den relevanten Mock Drafts für 2026 sucht man seinen Namen vergebens. Die Anpassungsprobleme an das College-Niveau sind noch zu offensichtlich, als dass ein NBA-Team bereits jetzt einen wertvollen Pick investieren würde.

Vielmehr deutet alles darauf hin, dass Kiyan einen längeren Reifeprozess in Syracuse durchlaufen wird. Ein bis zwei weitere Jahre am College scheinen nicht nur wahrscheinlich, sondern notwendig, um seinen Körper auf NBA-Standard zu bringen. Doch die Investition in Geduld könnte sich lohnen: Seine Bewegungsabläufe sind geschmeidig, die technischen Anlagen vielversprechend. Wenn die Physis nachzieht, besitzt er das Rüstzeug, um auf höchstem Level mitzuhalten.

Wohin führt also der Weg? Kiyan Anthony wird seinen Platz in der besten Liga der Welt finden – nur vielleicht etwas später als die Knicks-Legende. Die realistische Prognose sieht ihn in den Draft-Jahrgängen 2027 oder 2028. Dort könnte er als Late-First-Rounder für ein Team interessant werden, das genau das sucht, was er verkörpert: einen kreativen Shot-Creator, der von der Bank kommt und als zuverlässiger Rollenspieler eine lange, nachhaltige Karriere hinlegen kann.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in BASKET 02/2026 

 

 

Autor: Kijanusch Holz | Stand der Daten: 27.7.2026 | Fotocredits: GettyImages

Kijanusch Holz

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