Danke Kari!

Sein Name steht für Titel, Erfolge und große Basketball-Momente. Nach einer kurzen Rückkehr zum FC Bayern Ende 2025 ist nun endgültig Schluss. Wir blicken zurück auf die außergewöhnliche Laufbahn der Trainer-Ikone.

HOB-Redaktion

24. August 2026

Es ist Montag, der 22. Dezem ber 2025, 16.30 Uhr. Während die meisten Menschen bereits ungeduldig den Weihnachtstagen entgegenfiebern, ist für viele Basketballfans bereits an jenem Tag vorzeitig Bescherung. Wie aus heiterem Himmel kommt die frohe Botschaft vom FC Bayern München: „Der erfolgreichste Trainer des deutschen Basketballs kehrt noch einmal nach München zurück.“ Mit diesen Worten gibt der weltrenommierte Verein die Rück- kehr von keinem Geringeren als Svetislav Pesic bekannt. Nur einen Tag nach dieser überraschenden Verpflichtung steht der 76-jährige Stratege in der EuroLeague gegen Hapoel Tel Aviv im heimischen SAP Garden an der Seitenlinie. Mit seinem Saison-Debüt für die Münchner erweitert Pesic sein einzigartiges Resümee um einen weiteren Meilenstein: als ältester EuroLeague-Trainer aller Zeiten.

 

Mit 19 Titeln ist Svetislav „Kari“ Pesic einer der erfolgreichsten Trainer des europäischen Basketballs.

 

Seine Mission bei Bayern ist klar: Nach einer anhaltenden Ergebniskrise trennen sich die Münchner am 19. Dezember von Weltmeister-Trainer Gordon Herbert und holen den erfahrenen Serben zurück an die Isar, um die Kehrtwende zu vollführen. Ein letztes Mal soll Pesic die große Aufgabe als Head Coach über- nehmen und den Bayern die Meisterschaft sichern. Gleichzeitig ist Pesic überzeugt, dass dieses Engagement seine letzte große Aufgabe als Cheftrainer sein wird. „Vor einem EuroLeague-Spiel Anfang Januar lag ich im Hotelbett, und plötzlich habe ich mich ge- fragt: Was machst du eigentlich hier, bist du verrückt? Du bist bald 77 Jahre alt und immer noch Trai- ner. Die 90 schaffst du noch, das sind 13 Jahre. Da sagte ich mir: Schluss mit Basketball, hör endlich auf!“, schildert Pesic und führt weiter aus: „Ich weiß schon, man

glaubt mir nicht, wenn ich sage, dass ich aufhöre. Aber nach dieser Saison reicht es nun wirklich. Ich habe ein schönes Haus in Barcelona, wo ein Teil meiner Familie lebt. Und ich will öfter in meiner Geburtsstadt Pirot sein.“

In Pirot, im Südosten Serbiens, begann einst die abenteuerliche Reise der Basketballikone. Zusammen mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft liebt es Svetislav, sich über Filme zu unterhalten. Als der Junge eines Tages den amerikanischen Schauspieler Harry Belafonte fälschlicherweise „Kari“ ruft, ist sein Spitzname geboren. Für die Kinder im damaligen Jugoslawien ist der Sport die wohl wichtigste Freizeitbeschäftigung. Zunächst verschreibt sich „Kari“ dem Fußball, ehe er zum Basketball wechselt. Hier stellt Svetislav als begabter Guard früh sein Talent unter Beweis und geht als Leistungsträger für seinen Heimatverein KK Pirot auf Korbjagd.

 

 Sensationelle „Studenten“

 

Nach einer Zwischenstation bei Partizan Belgrad wechselt Pesic 1971 zu KK Bosna Sarajevo, einem ambitionierten Zweitligis- ten, der an der Tür zum jugos- lawischen Oberhaus kratzt. Den Sprung in die Beletage ebnet das Talent seinem Verein noch in derselben Saison. Am 28. April 1972 erzielt Pesic 26 Zähler in einer heißumkämpften Do-or- die-Partie gegen den Stadtrivalen Zeljeznicar – und führt sein Team quasi im Alleingang zum umjubelten 65:59-Triumph und zum Aufstieg. Die Freude nach dem Coup ist unbeschreiblich. Für seine Heldentaten erhält der junge Matchwinner vom „Radio Sarajevo“, Sponsor der Partie, ein besonderes Geschenk: „Ich bekam eine Darwil-Schweizer Uhr, legte sie um mein Handgelenk und versank in einem Meer aus Menschen, die alle feierten.“

Lange währt sein Glück jedoch nicht. Als er später in die Vereins- kanzlei kommt, fragen ihn seine Mitspieler: „Warum versteckst du die Uhr?“ Aber die Uhr war weg! „Ein Taschendieb hatte sie mir in diesem Gedränge gestohlen. Mehrmals habe ich von der Uhr geträumt, sogar viele Jahre später“, erzählt Pesic. Einen Trost dürfte ihm der Europa- pokal der Landesmeister respektive EuroLeague-Titel spenden, den er sieben Jahre später sensationell mit KK Bosna Sarajevo erringt. In einem Endspiel-Krimi gegen den fa vorisierten Rivalen Emerson Varese setzen sich „die Studenten“, angeführt von Zarko Varajic und Mirza Delibasic, hauchdünn mit 96:93 durch – und küren sich als erste jugoslawische Vereinsmannschaft zum Kontinentalmeister. Nur wenige Jahre nach dem größten Erfolg seiner Spielerlaufbahn sieht sich „Kari“ wegen anhaltender Kniepro- bleme jedoch dazu gezwungen, die Sneaker an den Nagel zu hängen.

Dem Basketball und der Stadt, die ihn prägt, bleibt der Ex-Profi indes weiter treu. Pesic tauscht das bordeauxrote Trikot von Bosna Sarajevo gegen den feinen Anzug ein und wird zum Sportdirektor von KK Bosna. In seiner neuen Rolle sieht er sich gleich mehreren Herausforde- rungen gegenüber. Zahlreiche Abgänge sowie eine durchwachsene Spielzeit später steht der Klub ohne Trainer da. Kurzerhand wird der damals 32-Jährige von Präsident Ferid Beslagic angerufen: „Da Sie als Sportdirektor nicht in der Lage sind, einen neuen Trainer zu finden, werden Sie der neue Trainer sein, bis wir einen gefunden haben.“ So kommt Kari eher unfreiwillig zu seinem Debüt an der Seitenlinie.

 

Historischer Erfolg

 

Der Trainerwechsel fruchtet direkt. Es reiht sich Sieg an Sieg, und am Ende der Saison steht der nationale Meistertitel zu Buche. In den Folgejahren kommen ein Pokalsieg sowie einige große Siege auf europäischer Bühne hinzu, wodurch der Basketball- Lehrer zum Kadetten- und später Junioren-Nationaltrainer Jugoslawiens ernannt wird. Unverges- sen bleibt während dieser Zeit die U19-WM in Bormio im Jahr 1987. Unter Pesics Ägide domi- niert das balkanische Ensemble, das aus späteren Größen wie Toni Kukoc, Dino Rada, Vlade Divac und Sasa Dordevic besteht, seine Konkurrenz und sichert sich ungeschlagen den Titel. Der geschichtsträchtige Erfolg der jungen Jugoslawen entgeht auch den Basketball-Verantwortlichen hierzulande nicht. Ende der 80er- Jahre sucht der Deutsche Basketball-Bund (DBB) nach einem neuen Bundestrainer. Pesic ist für diese Position der Wunschkandidat. Auch wenn ihn das Angebot anspricht, fällt es ihm schwer, seine Heimat zu verlassen. Doch diese mutige Entscheidung erweist sich als Volltreffer.

Pesic erzielt schnell ansehnliche Erfolge. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona erreicht die deutsche Auswahl überraschend das Viertelfinale. Im Jahr darauf steht das nächste Spektakel auf dem Programm: die Europameisterschaft im eigenen Land. Auch wenn die Vorfreude auf das Turnier riesig ist und die Entwicklung des Teams mehr als vielversprechend wirkt, stehen die Zeichen vor dem Turnier nicht gut.

Meistermacher: 1993 führt Pesic Deutschland zum EM-Titel – bis heute ein Meilenstein in der DBB-Geschichte.

 Der größte Star des Teams, Detlef Schrempf, sagt seine Teilnahme ab, und auch hinter dem Namen von Leistungsträger Christian Welp steht ein großes Fragezeichen. Der ehemalige NBA-Profi und Spieler der Giants Leverkusen möchte erst später zum Turnier anreisen. „Als ich das hörte, sagte ich: Das kommt nicht infrage. Ich habe immer meine klare Philosophie und die war, dass kein Spieler wichtiger ist als die Mannschaft.“ Pesic möchte Welp am liebsten aus dem Kader streichen, doch das DBB-Präsidium interveniert: Welp muss spielen. Als der Coach die Geschäftsstelle in Frankfurt in Richtung Teamlager verlässt, plagt ihn ein Dilemma: den wichtigsten Spieler mitnehmen – oder die eigenen Prinzipien hochhalten und Welp zu Hause lassen? Im Teamquartier in Bad Griesbach angekommen, ruft Pesic DBB-Kapitän Hansi Gnad und Co-Kapitän Armin Andres zu sich. „Ich habe zu Hansi gesagt: 'Pass auf, Hansi, du bist Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Ich bin zwar Bundestrainer, aber ich bin Jugoslawe. Das ist zwar meine Mannschaft, aber das ist eben eure Nationalmannschaft. Ihr müsst die Entscheidung treffen‘.“

Diese Kompromissbereitschaft erweist sich im Lauf des Sommers ’93 sprichwörtlich als goldrichtig. Anstatt selbst zu entscheiden, legt er die Verantwortung in die Hände seiner Spieler. Die entscheiden sich für Welp. Mit dem Giants-Profi im Aufgebot marschiert das Team bis ins Finale, schlägt dabei gro- ße Namen wie Spanien und Grie- chenland. Wie wichtig der Center ist, zeigt sich dann im Endspiel: Mit einem krachenden Dunk inklusive Freiwurf in den letzten Sekunden der Partie gegen das favorisierte Russland ebnet Welp der DBB- Auswahl den Weg zum ersten Titel der Verbandsgeschichte. Dieser historische Coup und die Persona- lentscheidung zeigen Pesics wahre Größe: Obwohl er für seine klaren Prinzipien und Detailbesessenheit bekannt ist, ist er sich bewusst, dass die Welt nicht immer schwarz oder weiß ist. Der Erfolg des Teams steht bei der Trainerikone an erster Stelle – noch vor den eigenen Überzeugungen.

 

Wind of Change

 

Der Titelgewinn mit dem DBB-Team bildet den Höhepunkt in Pesics sechsjähriger Amtszeit als Bundestrainer. Nach dem Turnier legt er das Amt nieder. Der gebürtige Serbe sehnt sich nach neuen Herausforderungen und will sich wieder dem Vereinsbasketball widmen. Eine Zeit lang liebäugelt er auch mit einem Wechsel von Deutschland ins Ausland. Dann meldet sich ALBA Berlin bei Pesic. Der aufstrebende Verein aus Berlin träumt davon, sich einen internationalen Namen zu machen. Die Zielsetzung reizt den Strategen, der mit den Verantwortlichen schnell auf einen gemeinsamen Nenner kommt: „Ich sagte ihnen scherzhaft, aber auch mit einem Funken Ernst: Lasst uns erstmal alle Trophäen nacheinander in Deutschland gewinnen. Und wenn das nicht mehr interessant ist, greifen wir die europäische Szene an‘.“ 

Am Ende kommt es genau andersherum. Schon in seinem zweiten Jahr in der Hauptstadt führt „Sveti“ ALBA sensationell zum Gewinn des Korac-Cups 1995. Im Finale setzen sich die Berliner gegen den italienischen Meister Olimpia Milano durch. In den Fol- gejahren formt Pesic aus ALBA ein Powerhouse, das in den folgenden Spielzeiten vor allem die heimische Basketballlandschaft dominiert. Vier Meistertitel und zwei Pokalsiege – das Team mit den kanari- engelben Trikots wird zum Symbol der Hauptstadt, die Spieler und ihr Trainer zu gefeierten Helden. Als Architekt des Erfolgs erhält Pesic den Verdienstorden des Landes Berlin. Mit seinem Enthusiasmus legt der serbische Taktikfuchs das Fundament für die Jahrzehnte spä- ter anhaltenden Erfolge des Klubs. Doch nicht nur das: Bei ALBA bildet er als Head Coach eine Reihe von Nationalspielern aus, zu denen unter anderem Ademola Okulaja, Mithat Demirel und sein Sohn Marko gehören. Pesic junior gewinnt im DBB-Trikot EM-Silber (2005) sowie Bronze bei der WM 2002 in Indianapolis. Im Speziellen erfüllt diese Weltmeisterschaft die basketballbegeisterte Familie mit Stolz, denn neben Marko Pesic steht auch Vater Svetislav auf dem Treppchen. Dieser hatte die Berliner zur Jahrtausendwende verlassen und coachte die Nationalmannschaft der Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien und Montenegro), mit der er Europameister (2001) und Weltmeister (2002) wird.

Vater und Sohn: Svetislav (l.) und Marko Pesic (r.) stehen für eine echte Basketball-Dynastie.

 

„Mehr als ein Trainer“

 

Seine Dominanz setzt der Erfolgstrainer anschließend wieder auf Vereinsebene fort. 2003 beschert er dem FC Barcelona den ersten EuroLeague-Titel der Klubgeschichte: Vor heimischer Kulisse erfüllt „Kari“ gleich in seiner ersten Spielzeit in Spanien den ersehnten Traum aller eingefleischten „Culers“ und bezwingt in einem packenden Endspiel Benetton Treviso mit 76:65. Die Kirsche auf der Sahnetorte markiert in diesem geschichtsträchtigen Jahr ein Final-Sweep in der heimischen ACB gegen Valencia sowie ein Pokalsieg gegen TAU Ceramica – das Triple ist perfekt. Die unverwischbaren Spuren der Ikone hebt auch der ehemalige Präsident der Blaugrana, Josep Maria Bartomeu, hervor: „Er hat unserem Klub die erfolgreichsten Jahre im Basketball beschert. Er ebnete uns den Weg zu unserem bisher einzigen Triple. Deshalb kann ich zurecht sagen, dass Pesic für uns alle viel mehr als ein Trainer ist.“

Nach Zwischenstationen bei Virtus Rom, Girona, Dynamo Moskau, Roter Stern, Valencia und dem FC Bayern München ist es diese Verbundenheit zum Klub, die den Takt dazu bewegt, 2018 zu den Katalanen zurück- zukehren. Der Traditionsverein steckt in einer Negativspirale, und Pesic soll die Mannschaft stabilisieren. Schließlich führt der Ausnahme-Coach Barcelona zu zwei weiteren Pokalsiegen gegen den Erzrivalen Real Madrid.

 

Bei seiner Rückkehr zu den Bayern Baskets unterliegt „Kar” im Finale der BBL-Playoffs gegen ALBA Berlin.

Die gleiche Rolle hat Pesic bekanntlich in der bayerischen Landeshauptstadt inne. Hier feiert der Stratege 2014 während seines ersten Mandats beim FCBB den Gewinn des BBL-Titels. Mit dieser prestigeträchtigen Trophäe hätte er nun auch einen Schlussstrich unter seine einzigartige Trainerkarriere ziehen wollen: „Der Plan ist, dass es immer weitergeht. Früher, als ich jünger war, habe ich immer im olympischen Zyklus – also für vier Jahre – geplant. Jetzt plane ich kurzfristiger. Ich möchte jetzt erst einmal alles dafür tun, um mit den Spielern diese Saison die Deutsche Meisterschaft zu gewinnen.“ Sicher, es wäre der krönende Abschluss einer einzigartigen Karriere.

 Bekanntlich kommt es aber anders. Im diesjährigen Finale um die deutsche Meisterschaft vergibt sein Team eine 2:0-Serienführung. Anstelle der großen Meisterfeier mit Bayern München und eines versöhnlichen Endes seiner an Höhepunkten reichen Trainerlaufbahn war Svetislav Pesics letzte Amtshandlung ein wütender Abgang. „Sie bekommen keine Antwort“, entgegnet der scheidende Trainer auf eine unerwünschte Frage eines Journalisten und verlässt vorzeitig die Pressekonferenz – auch das ist Pesic.

 Doch Karis Vermächtnis misst sich nicht allein an den Titeln in seinem Trophäenschrank, sondern vielmehr an den Orten, Vereinen und vor allem den Menschen, die er mit seiner ganz besonderen Art geprägt hat. 

Dieser Beitrag erschien zuerst in BASKET 06/2026

 

Autor: Benjamin Krek | Fotocredit: GettyImages, IMAGO/camera 4

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