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Die NBA hat ein Verletzungsproblem: Braucht die Liga weniger Spiele?

Immer wieder fallen NBA-Stars verletzungsbedingt aus. Während das Spiel schneller und athletischer wird, bleibt der Kalender mit 82 regulären Saisonspielen unverändert. Doch was steckt hinter den Verletzungen – und könnte eine kürzere Saison helfen?

Sami Younis

5. November 2026

Die neue NBA-Saison ist gerade erst angelaufen, doch die Verletzungssorgen begleiten die Liga bereits wieder. Kawhi Leonard muss nach seiner Rückkehr zu den Toronto Raptors wegen einer Schwellung im linken Knie pausieren. Eine MRT-Untersuchung ergab zwar keine strukturellen Schäden, dennoch ist unklar, wann der 35-Jährige wieder auf dem Parkett stehen wird. Auch Anthony Edwards hat mit Knieproblemen zu kämpfen. Der Star der Minnesota Timberwolves muss sich einem arthroskopischen Eingriff unterziehen und könnte bis zu zwei Monate ausfallen.

Zwei prominente Fälle, die eine Diskussion zurückbringen, die den Basketball bereits seit Jahren beschäftigt: Warum fallen immer wieder so viele Stars aus? Ist das schlicht eine unvermeidbare Begleiterscheinung des Profisports oder hat sich die Belastung in der NBA inzwischen so stark verändert, dass die Liga ihren Umgang mit Spielergesundheit grundlegend überdenken muss?

 

Eine Liga, der ihre Stars fehlen

 

Bereits in der Saison 2025/26 hatte die NBA mit erheblichen Verletzungssorgen zu kämpfen. Im November 2025 waren laut einer Auswertung von Yahoo Sports zeitweise 21 der 45 Spieler verletzt, die nach den Kriterien der Liga als Stars eingestuft wurden. Gemeinsam hatten sie zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 200 Partien verpasst – ungefähr doppelt so viele wie zum gleichen Zeitpunkt zwei Jahre zuvor. Die Liste der damals betroffenen Spieler war prominent besetzt. Namen wie LeBron James, Giannis Antetokounmpo, Victor Wembanyama und Joel Embiid tauchten auf den Verletztenlisten auf. Andere Stars wie Tyrese Haliburton, Jayson Tatum oder Damian Lillard hatten sich bereits zuvor schwerwiegende Verletzungen zugezogen.

Diese Zahlen sind eine Momentaufnahme aus dem vergangenen Jahr und beweisen für sich genommen keinen langfristigen Anstieg der Verletzungsrate. Sie verdeutlichen allerdings, wie stark Ausfälle das sportliche Geschehen beeinflussen können. Für die NBA ist das nicht nur ein medizinisches Problem. Die Liga vermarktet sich weltweit über ihre größten Namen. Fans kaufen Tickets, um bestimmte Spieler zu sehen, Fernsehsender bewerben ihre Übertragungen mit Superstars und ganze Mannschaften richten ihre sportlichen Ambitionen an der Gesundheit ihrer wichtigsten Akteure aus. Wenn diese Spieler regelmäßig fehlen, leidet nicht nur die Qualität einzelner Begegnungen. Auch die Attraktivität des gesamten Produkts NBA steht zur Diskussion.

 

Der Basketball ist schneller geworden – die Saison nicht kürzer

 

Ein möglicher Erklärungsansatz liegt in der Entwicklung des Spiels selbst. Während eine reguläre NBA-Saison weiterhin aus 82 Partien besteht und jedes Spiel 48 Minuten dauert, haben sich die körperlichen Anforderungen erheblich verändert.

Laut Yahoo Sports kamen die NBA-Teams in der Saison 2025/26 auf durchschnittlich 100,4 Ballbesitze pro 48 Minuten. Das entsprach dem höchsten Spieltempo seit den 1980er-Jahren. Noch ein Jahrzehnt zuvor erreichte kein einziges Team durchschnittlich mehr als 100 Ballbesitze pro Partie. Im November 2025 lagen bereits 25 der 30 Mannschaften über dieser Marke. Doch Geschwindigkeit allein beschreibt die körperlichen Anforderungen nur unzureichend.

Der moderne Basketball lebt von explosiven Antritten, schnellen Richtungswechseln und einer enormen Dynamik zwischen Offensive und Defensive. Spieler müssen große Räume abdecken, nach Screens blitzschnell reagieren, Würfe verteidigen und innerhalb weniger Sekunden wieder in den Angriff umschalten. Gleichzeitig sind die Athleten größer, kräftiger und vielseitiger geworden. Spieler, die früher überwiegend in Korbnähe agierten, bewegen sich heute regelmäßig über das gesamte Feld.

Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder schnellere Spielzug zu einer Verletzung führt. Die wiederholten Beschleunigungen, Bremsbewegungen, Sprünge und Landungen stellen jedoch hohe Anforderungen an Muskeln, Sehnen und Gelenke. Golden-State-Warriors-Trainer Steve Kerr gehört zu denjenigen, die darin einen wesentlichen Faktor sehen. Gegenüber The Athletic verwies er auf die gestiegenen Laufleistungen, das hohe Tempo und den körperlichen Verschleiß. Wenn Mannschaften nahezu jeden zweiten Abend spielen, sei es schwierig, die Athleten ausreichend zu schützen.

Ariel Hukporti hat es in der Preseason getroffen. Diagnose: Achillessehnenriss.

Beginnt das Problem schon vor der NBA?

 

Der frühere NBA-Athletiktrainer Aaron Nelson, der über drei Jahrzehnte Erfahrung im professionellen Basketball gesammelt hat, sieht noch einen weiteren möglichen Faktor: die Entwicklung junger Spieler.

In einem Interview mit dem US-Magazin GQ erklärte Nelson im März 2026, dass sich Nachwuchstalente heute häufig wesentlich früher auf eine einzige Sportart spezialisieren. Besonders in den USA spielt dabei das AAU-System eine wichtige Rolle. Viele junge Talente nehmen bereits in ihrer Jugend an zahlreichen Turnieren teil und trainieren nahezu ganzjährig Basketball. Diese frühe Spezialisierung kann zwar die technischen Fähigkeiten fördern, möglicherweise aber auch Nachteile für die körperliche Entwicklung mit sich bringen. Wer unterschiedliche Sportarten ausübt, lernt vielfältige Bewegungsmuster und entwickelt verschiedene motorische Fähigkeiten. Bei einer sehr frühen Konzentration auf Basketball besteht dagegen das Risiko, dass bestimmte Belastungen immer wieder auftreten, während andere Bewegungsformen kaum trainiert werden. Nelson vermutet, dass diese Entwicklung später zu Überlastungsproblemen beitragen könnte. Ein eindeutiger wissenschaftlicher Nachweis, dass frühe Spezialisierung die aktuellen Verletzungen einzelner NBA-Stars verursacht, liegt damit allerdings nicht vor.

Die Diskussion zeigt dennoch, dass Verletzungsprävention nicht erst beginnen sollte, wenn ein Spieler seinen ersten Profivertrag unterschreibt.

 

Trainieren NBA-Spieler möglicherweise sogar zu wenig?

 

So naheliegend die Kritik an der hohen Belastung erscheint, so wenig herrscht innerhalb der NBA Einigkeit über deren tatsächliche Ursachen. Ein von The Athletic im November 2025 befragter General Manager widersprach der Vorstellung, dass die Spieler grundsätzlich zu viel laufen würden. Seiner Einschätzung nach könnte vielmehr das Gegenteil der Fall sein: Manche Athleten seien auf die Anforderungen des modernen Spiels nicht ausreichend vorbereitet.

Ein weiterer NBA-Verantwortlicher verwies darauf, dass sich individuelle Sommertrainings häufig stark auf Wurftraining und Ballhandling konzentrieren. Dabei besteht ein Basketballspiel nicht ausschließlich aus technischen Offensivaktionen. Gerade in der Defensive müssen Spieler wiederholt abbremsen, seitlich verschieben, beschleunigen und unter hoher Intensität die Richtung wechseln. Wer diese Bewegungen im Training nicht regelmäßig und kontrolliert ausführt, könnte Schwierigkeiten bekommen, wenn sie im Wettkampf plötzlich in hoher Frequenz verlangt werden.

Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch: Spieler benötigen ausreichend Regeneration, müssen aber gleichzeitig körperlich auf die Belastung vorbereitet bleiben. Eine längere Pause ist deshalb nicht automatisch besser. Entscheidend ist vielmehr, wie Belastung und Erholung aufeinander abgestimmt werden.

Wie lassen sich Verletzungen verhindern?

 

Vollständig verhindern lassen sich Verletzungen im Profibasketball nicht. Ein unglücklicher Zusammenstoß, eine falsche Landung oder der Kontakt mit einem Gegenspieler können selbst bei optimaler Vorbereitung schwerwiegende Folgen haben. Dennoch gibt es verschiedene Ansätze, um das Risiko bestimmter Verletzungen zu reduzieren.

Gezieltes Kraft- und Stabilitätstraining kann die Belastbarkeit des Bewegungsapparats verbessern. Eine individuelle Trainingssteuerung hilft dabei, Belastungen schrittweise zu steigern und Überforderung möglichst früh zu erkennen. Auch ausreichender Schlaf, Regeneration und die Vorbereitung auf spieltypische Bewegungen spielen eine wichtige Rolle. Aaron Nelson betont darüber hinaus die Kommunikation zwischen Spielern und medizinischem Personal. Trainer und Therapeuten müssen wissen, wie sich ein Athlet tatsächlich fühlt. Gleichzeitig müssen Spieler bereit sein, Beschwerden, Müdigkeit oder Schmerzen offen anzusprechen. Denn gerade im Leistungssport besteht häufig der Wunsch, trotz körperlicher Probleme weiterzuspielen. Umso wichtiger ist ein Umfeld, in dem gesundheitliche Warnsignale ernst genommen werden.

Verletzungsprävention bedeutet somit nicht ausschließlich, weniger zu trainieren oder häufiger zu pausieren. Vielmehr geht es darum, den Körper gezielt auf die tatsächlichen Anforderungen vorzubereiten und ihm anschließend ausreichend Zeit zur Erholung zu geben.

 

Die NBA sucht bereits nach Antworten

 

Dass die Liga das Problem erkannt hat, zeigt auch ein umfassendes Biomechanik-Programm, das 2025 gestartet wurde. Mithilfe standardisierter Bewegungsanalysen möchte die NBA besser verstehen, welche körperlichen Belastungen ihre Spieler bewältigen müssen und welche Bewegungsmuster möglicherweise mit erhöhten Verletzungsrisiken verbunden sind.

Laut Yahoo Sports hatten bis November 2025 bereits rund 500 Spieler an entsprechenden Untersuchungen teilgenommen. Langfristig könnten diese Daten dabei helfen, Trainingsmethoden, Belastungssteuerung und Präventionsmaßnahmen individueller zu gestalten. Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten: Biomechanische Untersuchungen können wichtige Erkenntnisse liefern, sind aber kein Instrument, mit dem sich jede zukünftige Verletzung zuverlässig vorhersagen lässt.

 

Was sagt die Wissenschaft über die Belastung?

 

Auch wissenschaftliche Untersuchungen beschäftigen sich zunehmend mit der Frage, welchen Einfluss der NBA-Spielplan auf die Gesundheit der Athleten hat. Eine Untersuchung von NBA-Saisons zwischen 2015 und 2021 identifizierte unter anderem hohe durchschnittliche Spielminuten und spätere Saisonphasen als Risikofaktoren für saisonbeendende Verletzungen.

Andere Studien konnten dagegen keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen einzelnen Belastungspausen und einer geringeren Verletzungsrate feststellen. Das klingt zunächst widersprüchlich, zeigt aber vor allem, wie komplex die Problematik ist. Eine Verletzung entsteht selten durch einen einzigen Faktor. Neben der aktuellen Belastung können die körperliche Vorgeschichte, individuelle Voraussetzungen, Trainingszustand, Regeneration und unvorhersehbare Spielsituationen eine Rolle spielen. Hinzu kommt, dass einzelne Ruhetage nicht mit einer grundsätzlich geringeren Saisonbelastung gleichzusetzen sind.

Die Forschung liefert somit Argumente dafür, Belastung ernst zu nehmen. Sie beweist aber bislang nicht, dass eine bestimmte Anzahl von Saisonspielen das Verletzungsproblem zuverlässig lösen würde.

Glück im Unglück: Jalen Suggs erleidet "nur" eine leichte Knochenprellung am rechten Knie.

82 Spiele – ist das noch zeitgemäß?

 

Genau hier beginnt die Diskussion über den NBA-Kalender. Seit Jahrzehnten bestreitet jedes Team 82 reguläre Saisonspiele. Dazu kommen Vorbereitungsspiele, Trainingseinheiten, zahlreiche Reisen und für erfolgreiche Mannschaften möglicherweise lange Playoff-Serien. Eine Verkürzung auf beispielsweise 70 oder 72 Spiele könnte zusätzliche Erholungsphasen ermöglichen. Auch Back-to-back-Spiele, bei denen Mannschaften an zwei aufeinanderfolgenden Tagen antreten müssen, ließen sich möglicherweise weiter reduzieren oder vollständig vermeiden. Mehr freie Tage könnten zudem für gezieltes Training genutzt werden, statt ausschließlich für Reisen und kurzfristige Regeneration.

Bereits im November 2025 brachte The Athletic-Journalist David Aldridge eine solche Verkürzung ins Gespräch. Gleichzeitig betonte er, dass eine Reform nur funktionieren könne, wenn Liga, Spieler, Mannschaften und Medienpartner gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Denn die Anzahl der Spiele ist nicht nur eine sportliche Entscheidung.

 

Wenn Gesundheit auf wirtschaftliche Interessen trifft

 

Die NBA ist ein milliardenschweres Geschäft. Weniger Saisonspiele könnten geringere Einnahmen aus Ticketverkäufen, Übertragungsrechten und Vermarktung bedeuten. Steve Kerr brachte dieses Problem in der Debatte auf den Punkt: Eine Verkürzung des Spielplans würde voraussetzen, dass die Beteiligten bereit wären, auf einen Teil ihrer Einnahmen zu verzichten.

Und genau darin liegt eine der größten Hürden.

Während die Liga einerseits versucht, ihre Stars durch medizinische Forschung und Belastungssteuerung besser zu schützen, bleibt der wirtschaftliche Anreiz bestehen, möglichst viele attraktive Spiele anzubieten. Dabei ist die Gesundheit der Spieler selbst ein wirtschaftlicher Faktor. Wenn Fans hohe Ticketpreise zahlen und anschließend feststellen, dass die größten Stars fehlen, leidet langfristig ebenfalls die Attraktivität der Liga.

Eine kürzere Saison wäre deshalb nicht zwangsläufig nur ein Verlustgeschäft. Ob und wie sich weniger Partien wirtschaftlich ausgleichen ließen, müsste allerdings sorgfältig geprüft werden.

 

Die NBA muss ihre Prioritäten hinterfragen

 

Die aktuellen Verletzungen von Kawhi Leonard und Anthony Edwards beweisen nicht, dass 82 Saisonspiele zu viel sind. Ebenso wenig lässt sich aus einzelnen Fällen ableiten, dass die moderne NBA grundsätzlich gefährlicher geworden ist.

Die vorhandenen Erkenntnisse zeigen aber, dass es gute Gründe gibt, die körperlichen Anforderungen des heutigen Basketballs genauer zu untersuchen. Das Spiel ist schneller geworden, die Athleten bewegen sich auf einem außergewöhnlich hohen Leistungsniveau und die Anforderungen an Training und Regeneration sind enorm.Deshalb sollte die NBA nicht ausschließlich nach Möglichkeiten suchen, Spieler innerhalb des bestehenden Kalenders besser zu schützen. Sie sollte auch bereit sein, den Kalender selbst zu hinterfragen.

Eine Verkürzung der Regular Season wäre kein Wundermittel. Sie könnte jedoch zusätzliche Spielräume schaffen, um Belastung, Training und Erholung sinnvoller aufeinander abzustimmen. Am Ende lebt die NBA von den Fähigkeiten ihrer Spieler. Und wenn die Liga langfristig die besten Basketballer der Welt auf dem Parkett sehen möchte, muss deren Gesundheit eine zentrale Rolle spielen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viele Spiele die NBA wirtschaftlich vermarkten kann – sondern auch, wie viele sie ihren Spielern dauerhaft zumuten sollte.

Autor: Sami Younes | Stand der Daten: 28. Oktober 2026 | Fotocredits: Getty Images

Sami Younis

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