Der Basketballplatz im Rabet liegt im unmittelbaren Umfeld der Eisenbahnstraße – einem Ort, der in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderer für gesellschaftliche Debatten herangezogen wurde. Über lange Zeit galt sie in der medialen Erzählung als „gefährlichste Straße Deutschlands“, verbunden mit Bildern von Kriminalität, offenem Drogenkonsum und rivalisierenden Gruppen. Dieses Bild hat sich zuletzt spürbar verändert. Die Situation hat sich beruhigt. Die Straße ist heute differenzierter zu betrachten, als es viele Schlagzeilen nahelegen. Gleichzeitig bleiben die strukturellen Bedingungen herausfordernd.
Die Eisenbahnstraße weist eine der höchsten Quoten von Familien mit Migrationsgeschichte in Ostdeutschland auf. Viele Haushalte sind finanziell schwach aufgestellt, Wohnraum ist knapp, Aufstiegsmöglichkeiten begrenzt. Gentrifizierung hat das Viertel sichtbarer gemacht, neue Cafés, Projekte und Konzepte hervorgebracht – doch sie hat die Lebensrealität vieler alteingesessener Familien bislang kaum verbessert. Für Kinder bedeutet das, in einem Umfeld aufzuwachsen, das sich verändert, ohne ihnen automatisch neue Perspektiven zu eröffnen. Gerade deshalb kommt dem Basketballplatz im Rabet eine besondere Rolle zu. Er ist kein pädagogisches Programm, kein Imageprojekt, kein kuratierter Raum. Er ist Alltag. Ein Ort, an dem Kinder Abstand gewinnen können – von Problemen, die sie nicht lösen müssen, aber täglich spüren. Sport wirkt hier nicht als Heilsversprechen, sondern als Möglichkeit: Zeit sinnvoll zu verbringen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, sich zu messen, ohne bewertet zu werden.
In einem Viertel, das oft über Defizite definiert wird, schafft dieser Court etwas Seltenes: einen Raum, in dem Perspektive nicht erklärt, sondern gelebt wird.
Ein Platz, der an seine Grenzen kommt
Der Zustand des Basketballplatzes im Rabet ist kein Detail, sondern ein Faktor, der Nutzung beeinflusst. Der EPDM-Belag weist Risse und Unebenheiten auf, an mehreren Stellen ist er ausgebessert, aber nicht erneuert. Linien sind kaum noch erkennbar, das Spielfeld entspricht nur bedingt den Maßen, die für sicheres und faires Spiel notwendig wären. Wer hier regelmäßig spielt, weiß, wo V orsicht geboten ist – vor allem für jüngere Kinder. Diese Mängel sind nicht neu. Sie sind über Jahre entstanden und dokumentiert.
Gerade bei einem Platz, der täglich genutzt wird, wirken sich kleine Schäden schnell aus. Stolperstellen, rutschige Flächen, unklare Spielfeldbegrenzungen. Es sind keine spektakulären Defekte, sondern schleichende Einschränkungen, die den Court zunehmend an seine Grenzen bringen. Der Handlungsbedarf ergibt sich dabei nicht aus ästhetischen Ansprüchen, sondern aus Funktion und Sicherheit. Der Platz wird nicht für Events genutzt, sondern für den Alltag. Je länger notwendige Maßnahmen ausbleiben, desto größer wird die Lücke zwischen Nutzung und Zustand. Dass der Court trotz dieser Defizite weiter bespielt wird, spricht für seine Bedeutung – ist aber kein Argument dafür, ihn so zu belassen.
Vom Engagement zur Verwaltungsschleife
Der erste Schritt Richtung Veränderung entstand nicht aus Aktionismus, sondern aus Beobachtung. Wer den Court regelmäßig nutzte, sah, dass sich sein Zustand nicht von selbst verbessern würde. Im August 2023 schlossen sich junge Menschen aus dem Viertel zusammen und begannen, den Zustand des Courts nicht länger hinzunehmen – über die Streetwork Ost, die den Platz und seine Bedeutung für Kinder und Jugendliche seit Langem kennt. V on dort aus begann ein Prozess, der sich über Monate ziehen sollte. Es folgten Gespräche mit verschiedenen Stellen der Stadt, Weiterleitungen, Nachfragen. Im Herbst und Winter 2023 wurde mehrfach betont, wie stark frequentiert der Platz ist und welche Rolle er im Alltag des Viertels spielt. Ziel war keine Aufwertung, sondern die Sicherung eines funktionierenden Ortes. Die Initiative blieb dabei bewusst kooperativ, suchte den Dialog statt Öffentlichkeit. Anfang 2024 verdichteten sich diese Kontakte. Der Wunsch nach einem gemeinsamen Ortstermin wurde lauter – nicht, um Forderungen zu eskalieren, sondern um den Zustand des Courts konkret zu zeigen.
Im März 2024 kam es schließlich dazu. Vertreter des Amts für Stadtgrün und Gewässer, ein Landschaftsarchitekt, Streetworker und ein Mitglied des Stadtbezirksbeirats trafen sich im Rabet mit der engagierten Gruppe. Zum ersten Mal wurde der Basketballplatz nicht nur genutzt, sondern offiziell begutachtet. Was zuvor informell geschildert worden war, fand nun Eingang in Protokolle. Für die Beteiligten vor Ort markierte dieser Termin einen Wendepunkt: Der Court war nicht länger nur ein lokales Anliegen, sondern Teil eines formellen Verfahrens. Der Ortstermin im März 2024 mündete in einer schriftlichen Aktennotiz, die den Zustand des Basketballplatzes erstmals verbindlich festhielt. Darin wurden konkrete Maßnahmen benannt: die Erneuerung des Belags mit EPDM, neue Linien, ein Ballfangzaun sowie kleinere Anpassungen der Spielfläche. Auch die Einbindung der Nutzergruppe in den weiteren Prozess wurde festgehalten. Als Ziel wurde eine Umsetzung noch im Jahr 2024 genannt. In den Wochen danach blieb die Erwartung bestehen, dass diesen Zusagen zeitnah Schritte folgen würden.
Ein für Mai angekündigter Reparaturtermin wurde jedoch kurzfristig abgesagt. Weitere Termine wurden in Aussicht gestellt, ohne verbindlich zu werden. Im Spätsommer hieß es, die Arbeiten sollten im September beginnen – auch das ohne Ergebnis. Erst Ende März 2025 erschien erneut eine Firma im Rabet. Die Arbeiten betrafen allerdings nicht den Basketballplatz, sondern den angrenzenden Fußballplatz. Anfang April folgten am Court lediglich punktuelle Flickarbeiten, verbunden mit einer 48-stündigen Sperrung. Eine grundlegende Sanierung blieb aus. Bereits kurze Zeit später zeigten sich erneut Schäden: Die aufgebrachten Flicken lösten sich, der Belag gab an mehreren Stellen wieder nach. Der Platz war damit schnell wieder in jenem Zustand, der den Handlungsbedarf ursprünglich ausgelöst hatte.
Auf erneute Nachfragen folgte schließlich eine klare Mitteilung: Die geplanten Maßnahmen seien verschoben, unter anderem aus Budgetgründen. Konkrete Alternativen oder Zwischenlösungen wurden nicht benannt. Erst Ende 2025 lag ein Angebot für eine vollständige Erneuerung vor – veranschlagt mit rund 60.000 Euro, verbunden mit einem möglichen Umsetzungshorizont bis Mitte 2026. Was in der Aktennotiz noch als zeitnahes Vorhaben formuliert war, hatte sich zu einem offenen Prozess entwickelt, dessen Zielmarke sich immer weiter entfernte. Die Dokumente lassen dabei weniger Spielraum für Missverständnisse als für eine klare Lesart: Der Bedarf ist bekannt, die Bedeutung des Platzes anerkannt – die Umsetzung jedoch wird über Jahre hinausgeschoben.
Ablehnung zeigt sich hier nicht in Worten, sondern im Ergebnis. In einem Verfahren mit wechselnden Zuständigkeiten, abgesagten Terminen und immer neuen Verzögerungen entsteht ein faktischer Stillstand. Während auf dem Court weiter gespielt wird, wächst anderswo vor allem eines: der Abstand zwischen kommunizierter Bereitschaft und tatsächlichem Handeln.
Von unten getragen
Mit der Dauer des Verfahrens trat weniger ein einzelnes Versäumnis zutage als ein strukturelles Problem. In der Abfolge von Mails, Gesprächen und Rückmeldungen wechselten Ansprechpartner, Zuständigkeiten und Ebenen. Mal lag der Fokus auf kurzfristigen Reparaturen, mal auf einer grundsätzlichen Erneuerung, mal auf Haushaltsfragen. Jede Entscheidung für sich war nachvollziehbar, in ihrer Summe entstand jedoch kein durchgehender Prozess. Für die engagierte Gruppe vor Ort bedeutete das vor allem eines: fehlende Verbindlichkeit.
Absprachen mussten neu erklärt werden, Erwartungen relativierten sich mit jedem Zuständigkeitswechsel. Die Verantwortung für Planung, Umsetzung und Kommunikation blieb fragmentiert. Was in Akten dokumentiert war, verlor an Klarheit, sobald es in die Praxis gehen sollte. Gerade bei einem überschaubaren Projekt wie dem Basketballplatz im Rabet wirkt diese Zersplitterung besonders deutlich. Der Court ist kein komplexes Bauvorhaben, sondern ein klar definierter Ort mit eindeutigem Bedarf. Die Dokumente zeigen, dass dieser Bedarf erkannt wurde. Sie zeigen aber auch, wie leicht er zwischen Verwaltungslogiken verschwindet. So wurde aus einem konkreten Anliegen ein Prozess, der sich selbst beschäftigt. Für die Kinder und Jugendlichen auf dem Platz ist diese Dynamik schwer nachvollziehbar. Sie erleben keinen Zuständigkeitswechsel, sondern Stillstand.
Während sich der formelle Prozess verzögerte, blieb der Platz nicht stehen. Die Initiative vor Ort verlagerte ihr Engagement vom Schriftverkehr in den öffentlichen Raum. Der Court wurde nicht nur genutzt, sondern bewusst belebt. In den vergangenen Jahren fanden drei Turniere im Rabet statt – offen, niedrigschwellig, ohne Eintritt. Veranstaltungen, die zeigten, welche soziale Kraft dieser Ort entfalten kann, wenn er Raum bekommt. Hinzu kam die Präsenz jenseits des Spielfelds. Beim Parking Day, einem Straßenfest im Viertel, nutzte die Gruppe die Gelegenheit, um mit einem Petitionsstand auf die Situation des Basketballplatzes aufmerksam zu machen. Nicht konfrontativ, sondern erklärend. Gespräche mit Anwohnern, Passanten, Familien aus dem Viertel machten deutlich, dass der Court kein Randthema ist, sondern vielen als wichtig gilt.
Diese Aktivitäten waren kein Ersatz für eine Sanierung, sondern ein Zeichen von Verantwortung. Sie hielten den Platz sichtbar, während Entscheidungen ausblieben. Gleichzeitig machten sie deutlich, wo die Grenzen von Engagement liegen. Turniere, Feste und Gespräche schaffen Aufmerksamkeit – sie können aber keine Infrastruktur erneuern.
Dass der Court trotz all dessen weiter genutzt wird, ist Ausdruck von Bindung. Dass er es nur unter diesen Bedingungen bleibt, zeigt, wie viel davon auf den Schultern der Community lastet.
Stadtentwicklung für wen?
Parallel zum Stillstand am Basketballplatz verändern sich die Rahmenbedingungen im Viertel spürbar. Rund um die Eisenbahnstraße werden Projekte gefördert, die den Stadtteil neu ordnen sollen – verkehrlich, gestalterisch, symbolisch. Initiativen wie der sogenannte „Superblock“ zielen auf Verkehrsberuhigung und Aufenthaltsqualität. Sie folgen einer Logik von Aufwertung, die das Gebiet langfristig attraktiver machen soll. Im Viertel selbst stoßen diese Maßnahmen jedoch nicht durchweg auf Zustimmung. Kritisiert wird weniger die Idee an sich als ihre Priorisierung. Während in Konzepte, Verkehrsversuche und neue Nutzungsbilder investiert wird, bleibt ein zentraler sozialer Ort wie der Basketballplatz im Rabet über Jahre hinweg unverändert. Für viele Anwohner wirkt diese Verschiebung wie eine Politik der Oberfläche: sichtbar, erklärbar, aber weit entfernt vom Alltag der Kinder, die hier aufwachsen.
Gerade in einem Gebiet mit hoher Armutsquote und einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Familien mit Migrationsgeschichte ist diese Schieflage spürbar. Der Court könnte niedrigschwellig Perspektive schaffen – ohne Projektlaufzeit, ohne Zugangshürden. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass Stadtentwicklung vor allem dort stattfindet, wo sie nach außen wirkt.
Was fehlt, ist die gleiche Entschlossenheit für Orte, die keine Bilder produzieren, sondern Alltag tragen. Am Ende geht es im Rabet nicht um Symbolpolitik, sondern um eine überschaubare Entscheidung. Der Basketballplatz ist kein Großprojekt, kein städtebauliches Experiment. Sein Zustand ist dokumentiert, sein Bedarf benannt, seine soziale Wirkung sichtbar. Alles, was es braucht, liegt auf dem Tisch. Gerade deshalb wird der Court zum Maßstab. Nicht für Image, nicht für Verkehrskonzepte, sondern für die Frage, welche Orte eine Stadt priorisiert. Für die Kinder und Jugendlichen aus dem Viertel entscheidet sich hier, ob ihr Alltag als relevant gilt – oder als nachrangig.
Der Basketballplatz im Rabet funktioniert trotz seiner Mängel. Aber er sollte nicht davon abhängig sein, wie lange Engagement Stillstand kompensieren kann. Ob dieser Ort eine Zukunft hat, ist weniger eine Frage des Budgets als der Haltung. Und die zeigt sich nicht in Konzepten, sondern darin, was umgesetzt wird.
Autor: Sami Younis | Stand der Daten: 27.7.2026 | Fotocredits: Yase Sahin

