Die vielleicht schwierigste Entscheidung einer NBA-Franchise besteht nicht darin, welchen Spieler sie verpflichtet. Sondern darin, zu erkennen, wann eine sportliche Idee ihre Zukunft verloren hat. Wann ein Kader nicht mehr verbessert, sondern grundsätzlich verändert werden muss. Wann es sinnvoller ist, einem jungen Spieler die Verantwortung zu übertragen, als mit einem etablierten Veteranen einige zusätzliche Siege einzufahren. Und wann eine Organisation bereit sein muss, sich von dem Spieler zu verabschieden, der über Jahre ihr Gesicht gewesen ist.
Gerade die vergangenen Monate haben gezeigt, wie unterschiedlich die Antworten auf diese Fragen ausfallen können. In Milwaukee wurde mit Giannis Antetokounmpo eine der erfolgreichsten Verbindungen zwischen Spieler und Franchise aufgelöst. Memphis verabschiedete sich von seinem einstigen Hoffnungsträger Ja Morant und setzt auf einen neuen Draft-Jahrgang. Sacramento hält trotz einer katastrophalen Saison an mehreren etablierten Leistungsträgern fest, während Brooklyn und Chicago versuchen, aus unterschiedlichen Ausgangslagen endlich eine nachhaltige sportliche Perspektive zu entwickeln.
Der Begriff Rebuild wird dabei häufig als Sammelbezeichnung für alles verwendet, was nicht unmittelbar nach Playoffs aussieht. Doch zwischen einem konsequenten Neuaufbau und einer bloßen personellen Neuausrichtung liegen erhebliche Unterschiede. Wer die Gegenwart für zukünftige Draftchancen opfert, verfolgt eine andere Strategie als eine Franchise, die bereits vorhandene Talente mit erfahrenen Spielern ergänzt. Und wer nach Jahren des Titelkampfes einen Superstar abgibt, steht vor anderen Herausforderungen als eine Organisation, die seit Jahren vergeblich nach einer sportlichen Identität sucht.
Fünf Mannschaften verdeutlichen vor dem Start der NBA-Saison 2026/27, dass der Weg zurück zum Erfolg selten geradlinig verläuft.
Brooklyn Nets: Mehr Qualität, aber noch immer kein Gesicht der Zukunft

Moritz Wagner (Brooklyn Nets): Noch im Trikot der Orlando Magic: Der deutsche Big Man wechselte im Sommer 2026 nach Brooklyn und soll den Nets mit seiner Energie und Vielseitigkeit neue offensive Möglichkeiten eröffnen.
20 Siege, 62 Niederlagen und die schwächste Offensive der gesamten NBA: Die vergangene Saison der Brooklyn Nets war selbst gemessen an den bescheidenen Erwartungen eines Rebuilding-Teams ernüchternd. Besonders deutlich wird das beim Blick auf die Wurfquoten. Mit 55,3 Prozent Trefferquote in Korbnähe belegte Brooklyn ligaweit den letzten Platz, ebenso mit lediglich 34,0 Prozent von der Dreierlinie. Aus der Mitteldistanz reichten 37,1 Prozent nur für Rang 28. Die Nets hatten damit nicht nur Schwierigkeiten, qualitativ hochwertige Abschlüsse herauszuspielen. Sie verwerteten auch die vorhandenen Möglichkeiten ausgesprochen ineffizient.
Dass sich diese Situation verändern könnte, liegt vor allem an Julius Randle. Der erfahrene Forward soll gemeinsam mit Michael Porter Jr. eine Offensive stabilisieren, die in der vergangenen Spielzeit durchschnittlich 1,5 Punkte pro 100 Ballbesitze weniger erzielte als jede andere Mannschaft. Randle bringt dafür eine Fähigkeit mit, die Brooklyn zuletzt schmerzlich vermisste: Er kann gegnerische Verteidigungen durch seine eigene offensive Präsenz binden und gleichzeitig freie Würfe für seine Mitspieler kreieren.
Gerade Porter könnte davon erheblich profitieren. Lediglich neun Prozent seiner Dreipunkteversuche erfolgten in der vergangenen Saison aus vollständig freien Positionen. Ein Jahr zuvor waren es bei den Denver Nuggets noch 20 Prozent gewesen. Unter 307 Spielern mit mindestens 100 Dreipunkteversuchen wies Porter damit den niedrigsten Anteil solcher Abschlüsse auf. Randle wiederum gehört über die vergangenen sieben Spielzeiten zu den vier NBA-Spielern mit den meisten Assists auf erfolgreiche Dreier. Diese Kombination verspricht zumindest eine deutlich funktionalere offensive Rollenverteilung.
Doch eine effizientere Offensive ist nicht automatisch mit einem erfolgreichen Neuaufbau gleichzusetzen. Denn während Randle und Porter kurzfristig für zusätzliche Siege sorgen könnten, liegt die eigentliche Zukunft der Nets bei einer Gruppe junger Spieler, deren Potenzial bislang nur ansatzweise erkennbar ist. Besonders Egor Dëmin, Nolan Traoré und Drake Powell stehen vor richtungsweisenden zweiten NBA-Spielzeiten. Dëmin muss lernen, seine körperlichen Voraussetzungen konsequenter einzusetzen, Traoré benötigt mehr Sicherheit im Ballhandling und Powell muss seine Fähigkeiten als Distanzschütze weiterentwickeln. Hinzu kommen mit Mikel Brown Jr. und Joshua Jefferson weitere junge Talente, die ihren Platz innerhalb der Rotation finden wollen.
Auch auf der Center-Position könnte sich eine interessante Entwicklung ergeben. Nach dem Abgang von Nic Claxton nach Chicago erhält Day’Ron Sharpe die Gelegenheit, seine bisherige Rolle deutlich auszuweiten. Seine bisherigen Zahlen liefern durchaus Argumente dafür: Über die vergangenen drei Spielzeiten erzielten die Nets mit Sharpe auf dem Parkett durchschnittlich 0,4 Punkte pro 100 Ballbesitze mehr als ihre Gegner. Ohne ihn lag die Differenz bei minus 9,0 Punkten. Besonders defensiv war der Unterschied erheblich. Mit Sharpe erlaubte Brooklyn 109,2 Punkte pro 100 Ballbesitze, ohne ihn 117,1. Zwar wurden diese Werte teilweise gegen gegnerische Reservisten erzielt, sie verdeutlichen dennoch, welchen Einfluss der inzwischen 24-Jährige bereits ausüben konnte.
Mit Moritz Wagner erhält Brooklyn zudem einen weiteren Big Man, der durch seinen Distanzwurf und seine offensive Beweglichkeit zusätzliche Möglichkeiten eröffnet. Nach seiner schweren Verletzung wird allerdings zunächst entscheidend sein, wie schnell der Deutsche wieder zu seiner gewohnten Leistungsfähigkeit zurückfindet.
Die Nets besitzen somit durchaus interessante Einzelteile. Randle könnte die Offensive strukturieren, Porter von besseren Abschlüssen profitieren und Sharpe den nächsten Entwicklungsschritt machen. Dennoch fehlt weiterhin ein Spieler, um den sich die langfristige Planung zweifelsfrei aufbauen lässt. Brooklyn könnte in der kommenden Saison deutlich besser aussehen, ohne seinem eigentlichen Ziel wesentlich näherzukommen. Genau darin liegt die zentrale Herausforderung dieses Neuaufbaus: Fortschritt darf sich nicht ausschließlich an zusätzlichen Siegen messen lassen, sondern muss vor allem in der Entwicklung jener Spieler sichtbar werden, die auch in einigen Jahren noch eine tragende Rolle übernehmen sollen.
Chicago Bulls: Der Ausweg aus der Mittelmäßigkeit
Vier aufeinanderfolgende Spielzeiten ohne Playoff-Teilnahme, zuletzt 31 Siege und 51 Niederlagen: Die Chicago Bulls befinden sich seit Jahren in einer sportlichen Zwischenwelt, die kaum eine NBA-Franchise freiwillig anstreben würde. Für einen ernsthaften Angriff auf die Spitze der Eastern Conference fehlte die Qualität, für einen konsequenten Neuaufbau lange die Bereitschaft. Statt einer klaren Perspektive entstand eine Mannschaft, deren kurzfristige Ambitionen und langfristige Möglichkeiten immer weiter auseinanderdrifteten.
Nun soll eine personelle Neuausrichtung den erhofften Richtungswechsel bringen. Mit Bryson Graham übernimmt ein neuer Verantwortlicher die sportliche Planung, während Tiago Splitter auf der Trainerbank für frische Impulse sorgen soll. Der ehemalige NBA-Champion bringt erste Erfahrungen als Head Coach mit und steht vor der Aufgabe, aus einem Kader mit durchaus vielversprechenden Talenten endlich eine funktionierende Einheit zu formen.
Besonders große Hoffnungen ruhen dabei auf Matas Buzelis. Der junge Forward entwickelte sich in seiner zweiten NBA-Saison zu einem der wenigen konstanten Lichtblicke Chicagos. Mit durchschnittlich 16,3 Punkten, 5,8 Rebounds, 2,1 Assists und 1,5 Blocks bei 46,3 Prozent Trefferquote aus dem Feld unterstrich er seine Vielseitigkeit. Dazu verwandelte er 2,2 Dreier pro Partie und erreichte in sieben Begegnungen mindestens 25 Punkte. Seine persönliche Bestleistung von 41 Zählern verdeutlichte, welches offensive Potenzial in ihm steckt.
Gemeinsam mit Josh Giddey könnte Buzelis das Fundament einer neuen Bulls-Generation bilden. Während Giddey vor allem durch seine Übersicht und seine Qualitäten als Spielgestalter überzeugt, bringt Buzelis jene Mischung aus Größe, Athletik und Vielseitigkeit mit, die in der modernen NBA besonders gefragt ist. Mit Caleb Wilson kommt zudem der vierte Pick des diesjährigen Drafts hinzu. Der ehemalige Forward der University of North Carolina soll bereits als Rookie eine wichtige Rolle übernehmen und erweitert Chicagos Möglichkeiten auf den Flügelpositionen erheblich.
Die Verpflichtungen von Norman Powell und Nic Claxton zeigen allerdings, dass die Bulls keineswegs ausschließlich auf langfristige Entwicklung setzen. Powell kommt nach einer All-Star-Saison in Miami und soll die Offensive unmittelbar verstärken. Claxton wiederum könnte der Defensive jene Präsenz verleihen, die zuletzt häufig fehlte. Gerade unter den Körben offenbarte Chicago erhebliche Schwächen.
Die Bulls gehörten in der vergangenen Saison zu den schwächeren Defensivteams der Liga und gestatteten ihren Gegnern regelmäßig zusätzliche Angriffsmöglichkeiten. Im Schnitt verzeichnete Chicago 3,6 Wurfversuche weniger als der jeweilige Gegner – der drittschlechteste Wert der NBA. Dahinter verbarg sich ein grundlegendes Problem: Die Mannschaft produzierte zu wenige zusätzliche Ballbesitze, verlor selbst zu häufig den Ball und war beim offensiven Rebounding nicht konsequent genug. Auch bei erzwungenen Ballverlusten des Gegners gehörte Chicago zu den schwächeren Teams.
Mit Claxton als defensivem Anker und einer größeren Frontline um Wilson und Buzelis könnte sich zumindest die Rebound-Situation verbessern. Ob Splitter allerdings eine aggressivere und effektivere Verteidigung etablieren kann, bleibt abzuwarten. Seine bisherige Trainerarbeit deutet nicht zwingend darauf hin, dass Chicago künftig zu den Mannschaften gehören wird, die besonders viele gegnerische Ballverluste erzwingen.
Die entscheidende Herausforderung besteht deshalb darin, aus den unterschiedlichen Fähigkeiten des Kaders eine erkennbare sportliche Identität zu entwickeln. Chicago besitzt mit Giddey, Buzelis und Wilson interessante junge Spieler, ergänzt durch erfahrene Leistungsträger wie Powell und Claxton. Diese Mischung könnte schneller konkurrenzfähig werden als ein klassisches Rebuilding-Team. Gleichzeitig besteht die Gefahr, erneut in jener Mittelmäßigkeit zu verharren, die den vergangenen Jahren ihren Stempel aufdrückte. Die Bulls müssen deshalb nicht nur mehr Spiele gewinnen, sondern vor allem beweisen, dass hinter ihren Personalentscheidungen erstmals seit längerer Zeit ein nachhaltiger sportlicher Plan steht.

Caleb Wilson (Chicago Bulls): Der vierte Pick des NBA Drafts 2026 soll gemeinsam mit Matas Buzelis und Josh Giddey das Fundament einer neuen Bulls-Generation bilden.
Sacramento Kings: Zu viel Erfahrung für einen echten Neuanfang?
22 Siege, 60 Niederlagen und Platz 14 in der Western Conference: Die Sacramento Kings erlebten eine Saison, die kaum weiter von ihren früheren Playoff-Ambitionen hätte entfernt sein können. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass der Kader keineswegs ausschließlich aus unerfahrenen Spielern bestand. Vielmehr verfügte Sacramento über zahlreiche etablierte NBA-Profis, deren individuelle Qualität eigentlich eine deutlich bessere Bilanz erwarten ließ.
Verletzungen spielten dabei eine wesentliche Rolle. Domantas Sabonis absolvierte aufgrund von Knieproblemen lediglich 19 Begegnungen. Keegan Murray kam wegen wiederkehrender Fingerverletzungen auf 23 Einsätze. Zach LaVine stand nach einer Fingeroperation nur 39-mal auf dem Parkett. Auch De’Andre Hunter konnte nach seinem Wechsel nach Sacramento aufgrund einer Augenoperation kaum eingreifen. Unter diesen Voraussetzungen fehlte der Mannschaft über weite Strecken jede personelle Kontinuität.
Die Probleme lassen sich allerdings nicht ausschließlich mit der Verletzungssituation erklären. Mit 110,6 Punkten pro 100 Ballbesitze belegte die Offensive der Kings lediglich Rang 26. Eine ernüchternde Platzierung für eine Mannschaft, die nominell über mehrere erfahrene Scorer und Spielgestalter verfügte. Gleichzeitig war die Rotation ausgesprochen unübersichtlich: Insgesamt 21 Spieler absolvierten durchschnittlich mindestens zehn Minuten pro Partie. Zehn Akteure, die weiterhin zum Kader gehören, standen in der vergangenen Saison im Schnitt sogar mindestens 20 Minuten auf dem Feld. Hinzu kommen mehrere Neuzugänge, die ebenfalls Ansprüche auf Einsatzzeit erheben.
Die Abgänge von Russell Westbrook und DeMar DeRozan verdeutlichen, dass Sacramento einen personellen Wandel eingeleitet hat. Westbrook beendete seine Karriere, während DeRozan nach seiner Entlassung bei den Denver Nuggets unterschrieb. Dennoch bleibt mit LaVine, Sabonis und Murray ein erfahrener Kern bestehen, dessen sportliche Perspektive nicht zwangsläufig mit einem langfristigen Neuaufbau übereinstimmt.
Besonders interessant wird deshalb die Rolle von Darius Acuff Jr. Der an siebter Stelle gedraftete Point Guard überzeugte in seiner einzigen College-Saison bei Arkansas mit durchschnittlich 23,5 Punkten und 6,4 Assists. Dazu traf er bemerkenswerte 44 Prozent seiner Dreipunkteversuche. Seine Kombination aus eigenem Scoring und Spielgestaltung könnte Sacramento genau jene offensive Dynamik verleihen, die zuletzt häufig fehlte.
Allerdings bringt Acuff auch erhebliche Entwicklungsaufgaben mit. Aufgrund seiner vergleichsweise geringen Körpergröße und defensiver Schwächen dürfte er gerade zu Beginn seiner NBA-Karriere regelmäßig zum Ziel gegnerischer Angriffe werden. Gleichzeitig wird er als junger Spielmacher Fehler machen, schwierige Entscheidungen treffen und lernen müssen, mit der körperlichen Intensität der Liga umzugehen. Bereits sein erster Preseason-Auftritt verdeutlichte diese Ambivalenz: 19 Punkte und vier Assists standen fünf Ballverlusten gegenüber.
Für Head Coach Doug Christie ergibt sich daraus ein strategisches Dilemma. Soll er Acuff unmittelbar die Verantwortung als primärer Ballhandler übertragen, obwohl dies kurzfristig zusätzliche Niederlagen verursachen könnte? Oder setzt er stärker auf die erfahrenen Spieler, um mit einem gesünderen Kader möglichst schnell wieder konkurrenzfähig zu werden?
Auch die Verpflichtung von Ben Simmons macht die Situation nicht einfacher. Der ehemalige Nummer-eins-Pick und dreimalige All-Star bringt außergewöhnliche Passfähigkeiten und defensive Vielseitigkeit mit, hat allerdings seit Jahren mit erheblichen gesundheitlichen und sportlichen Rückschlägen zu kämpfen. In der vergangenen Saison stand er überhaupt nicht in der NBA auf dem Parkett. Ob er noch einmal eine größere Rolle übernehmen kann, ist deshalb völlig offen.
Sacramento besitzt mit Acuff einen potenziellen zukünftigen offensiven Mittelpunkt, mit Murray einen vielseitigen Forward und mit Sabonis und LaVine weiterhin etablierte Leistungsträger. Gerade diese Mischung könnte jedoch zum Problem werden. Denn die Kings müssen nicht nur herausfinden, wie sie ihre Spieler möglichst effektiv einsetzen, sondern auch, welchen sportlichen Zeithorizont sie überhaupt verfolgen. Ein gesunder Kader dürfte deutlich konkurrenzfähiger sein als in der vergangenen Saison. Doch zusätzliche Siege wären wenig wert, wenn sie zulasten der Entwicklung jener Spieler gehen, die langfristig die Zukunft der Franchise prägen sollen.
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Memphis Grizzlies: Ein neuer Hoffnungsträger nach dem Ende der Morant-Ära
Es ist noch nicht lange her, dass die Memphis Grizzlies als eine der vielversprechendsten jungen Mannschaften der NBA galten. Ja Morant und Jaren Jackson Jr. bildeten das Fundament eines Teams, das mit seiner Athletik, defensiven Intensität und bemerkenswerten Selbstverständlichkeit innerhalb weniger Jahre zu einer ernstzunehmenden Kraft in der Western Conference aufstieg. Die Zukunft schien bereits geschrieben. Doch Verletzungen, personelle Veränderungen und ausbleibender nachhaltiger Erfolg führten dazu, dass Memphis seine ursprüngliche sportliche Vision schließlich vollständig aufgab.
Nach dem Trade von Jackson Jr. und dem anschließenden Wechsel Morants zu den Portland Trail Blazers beginnt nun eine neue Ära. Angeführt werden soll sie von Cameron Boozer, den die Grizzlies im NBA Draft 2026 an dritter Position auswählten. Der junge Forward gilt als eines der größten Talente seines Jahrgangs und bringt mit seiner Spielintelligenz, Vielseitigkeit und offensiven Begabung die Voraussetzungen mit, langfristig zum Gesicht der Franchise zu werden.
Anders als in der Anfangsphase der Morant-Ära muss Memphis allerdings nicht ausschließlich auf die Entwicklung eines einzigen Talents hoffen. Mit Cedric Coward besitzt die Mannschaft bereits einen jungen Spieler, der seine NBA-Tauglichkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Der elfte Pick des Drafts 2025 erzielte in seiner Rookie-Saison durchschnittlich 13,6 Punkte und knapp fünf Rebounds. Seine Leistungen brachten ihm einen Platz im All-Rookie First Team ein. Besonders bemerkenswert war dabei seine Reife: Coward übernahm nach dem Jackson-Trade und während Morants regelmäßiger Ausfälle zusätzliche Verantwortung und wirkte dabei häufig deutlich abgeklärter, als es seine geringe NBA-Erfahrung vermuten ließ.
In der kommenden Saison könnte sich deshalb eine interessante Partnerschaft entwickeln. Boozer soll perspektivisch die zentrale Figur werden, während Coward als vielseitiger Flügelspieler eine wichtige ergänzende Rolle übernehmen könnte. Entscheidend wird sein, wie gut beide ihre offensiven Fähigkeiten miteinander verbinden und ob Coward auch bei steigender Aufmerksamkeit gegnerischer Verteidigungen den nächsten Entwicklungsschritt machen kann.
Eine weitere Schlüsselfigur ist Zach Edey. Der 2,21 Meter große Center besitzt aufgrund seiner enormen körperlichen Präsenz außergewöhnliche Voraussetzungen, wurde zuletzt allerdings massiv von Verletzungen zurückgeworfen. Wiederkehrende Probleme am linken Sprunggelenk machten bereits zwei Operationen erforderlich. In der vergangenen Saison absolvierte er lediglich elf Spiele. Sollte Edey dauerhaft gesund bleiben, könnte er gemeinsam mit Boozer einen körperlich dominanten Frontcourt bilden. Gleichzeitig muss sich zeigen, ob seine Beweglichkeit den defensiven Anforderungen moderner NBA-Lineups langfristig gewachsen ist.
Zusätzliche Stabilität sollen die Neuzugänge Jerami Grant und Isaiah Stewart bringen. Stewart fällt allerdings aufgrund einer Sprunggelenksverletzung zunächst aus. Gerade angesichts der gesundheitlichen Fragezeichen im Frontcourt könnte deshalb auch Quinten Post eine größere Rolle erhalten.
Eine der statistisch interessantesten Personalien ist Ty Jerome. Der Guard erzielte in der vergangenen Saison hochgerechnet außergewöhnliche 31,4 Punkte pro 36 Minuten – der vierthöchste Wert unter 434 Spielern mit mindestens 300 Einsatzminuten. Allerdings kam Jerome verletzungsbedingt lediglich auf 339 Minuten in 15 Begegnungen. Dass seine offensive Qualität dennoch kein reiner statistischer Zufall sein muss, zeigen die Zahlen seiner vorherigen Saison in Cleveland, als er über 1.392 Minuten durchschnittlich 22,7 Punkte pro 36 Minuten erzielte. Über die vergangenen beiden Spielzeiten traf er zudem 43,3 Prozent seiner Dreier und bemerkenswerte 54,2 Prozent seiner Pull-up-Zweier.
Sollte Jerome diese Effizienz bei deutlich größerer Verantwortung zumindest annähernd bestätigen können, hätte Memphis einen wertvollen Spielgestalter für seine junge Mannschaft gefunden. Gleichzeitig bleibt die Entwicklung von Boozer der zentrale Maßstab des gesamten Projekts.
Der Neuaufbau der Grizzlies unterscheidet sich damit von jenem vieler anderer Franchises. Memphis besitzt bereits einen möglichen zukünftigen Franchise-Spieler und mehrere interessante Ergänzungen. Die Herausforderung besteht weniger darin, überhaupt eine Richtung zu finden, sondern darin, aus den vorhandenen Talenten eine funktionierende Mannschaft zu formen. Wie schnell das gelingt, dürfte maßgeblich darüber entscheiden, ob der Abschied von Morant tatsächlich den Beginn einer nachhaltig erfolgreicheren Ära markiert.

Cameron Boozer (Memphis Grizzlies): Der dritte Pick des NBA Drafts 2026 soll nach den Abgängen von Ja Morant und Jaren Jackson Jr. zum neuen Gesicht der Grizzlies werden. Der junge Forward steht im Mittelpunkt des sportlichen Neuaufbaus
Milwaukee Bucks: Die Zukunft als Preis der Vergangenheit
318 Minuten. Mehr Einsatzzeit erhielten sämtliche Spieler der Milwaukee Bucks in ihrem ersten oder zweiten NBA-Jahr während der vergangenen Saison zusammengerechnet nicht. Jedes andere Team der Liga kam auf mehr als 1.300 Minuten. Kaum eine Statistik verdeutlicht besser, wie kompromisslos die Franchise ihre gesamte sportliche Planung über Jahre auf unmittelbaren Erfolg ausgerichtet hatte.
Solange Giannis Antetokounmpo das Trikot der Bucks trug, sollte möglichst jede Saison eine neue Gelegenheit auf die Meisterschaft bieten. Die Entwicklung junger Talente spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Stattdessen investierte Milwaukee in etablierte Profis, verpflichtete kostspielige Verstärkungen und ordnete zahlreiche langfristige Entscheidungen dem Versuch unter, das Meisterschaftsfenster möglichst lange offen zu halten.
Der Titelgewinn von 2021 bleibt der größte Erfolg dieser Strategie. Doch die erhoffte zweite Meisterschaft blieb aus. In der vergangenen Saison reichte es schließlich nur noch zu 32 Siegen und 50 Niederlagen sowie Platz elf in der Eastern Conference. Der spektakuläre Trade von Antetokounmpo und Bobby Portis zu den Miami Heat markierte im Sommer schließlich das Ende einer Ära, die Milwaukee sportlich wie kulturell geprägt hatte.
Mit Giannis verlor die Franchise nicht nur einen zweimaligen MVP, sondern den Spieler, um den sich über mehr als ein Jahrzehnt nahezu jede Entscheidung gedreht hatte. Im Gegenzug erhielten die Bucks ein umfangreiches Paket aus jungen Spielern, etablierten Leistungsträgern und zukünftigen Draftrechten.
Prominentester Neuzugang ist Tyler Herro. Der ehemalige All-Star und gebürtige Wisconsinite kehrt in seine Heimatregion zurück und dürfte künftig einen Großteil der offensiven Verantwortung übernehmen. Seine Fähigkeit, eigene Würfe zu kreieren und aus der Distanz gefährlich zu werden, macht ihn zum wichtigsten etablierten Scorer der neuen Mannschaft. Allerdings ist Herro weniger als unmittelbarer Nachfolger von Antetokounmpo zu betrachten denn als erfahrener Leistungsträger innerhalb eines langfristigen Neuaufbaus.
Noch entscheidender könnte die Entwicklung von Kel’el Ware werden. Der 2,13 Meter große Center erzielte in seiner zweiten NBA-Saison bei Miami durchschnittlich 11,1 Punkte, neun Rebounds und 1,1 Blocks in lediglich 22 Minuten. Besonders bemerkenswert war seine Trefferquote von 39,5 Prozent von der Dreierlinie. In seinen 34 Einsätzen als Starter steigerte Ware seine Produktion auf 12,8 Punkte und 10,7 Rebounds und verwandelte sogar 40,9 Prozent seiner Dreier bei 3,4 Versuchen pro Partie.
Diese Kombination aus Ringbeschützung, Rebounding und Distanzwurf macht Ware zu einem besonders interessanten modernen Big Man. Sollte er sein Potenzial ausschöpfen, könnte er langfristig zu einem der wertvollsten Bestandteile des gesamten Giannis-Trades werden.
Weitere Entwicklungsmöglichkeiten bieten Jaime Jaquez Jr., Kasparas Jakučionis sowie die beiden Lottery-Picks Brayden Burries und Nate Ament. Gemeinsam mit Ryan Rollins entsteht damit ein junger Kern, der in den kommenden Jahren schrittweise mehr Verantwortung übernehmen soll. Gleichzeitig verfügt Milwaukee mit Myles Turner, Kyle Kuzma, Kevin Porter Jr., AJ Green und Caris LeVert weiterhin über zahlreiche erfahrene Spieler.
Für den neuen Head Coach Taylor Jenkins ergibt sich daraus eine anspruchsvolle Aufgabe. Der ehemalige Trainer der Memphis Grizzlies führte seine Mannschaft zwischen 2019 und 2025 zu 250 Siegen und drei Playoff-Teilnahmen. Nun soll er in Milwaukee eine neue Kultur etablieren, klare Rollen definieren und die Entwicklung der jungen Talente vorantreiben. Dabei wird er zwangsläufig zwischen kurzfristiger Konkurrenzfähigkeit und langfristiger Perspektive abwägen müssen.
Erschwert wird der Neuaufbau durch die Draftsituation. Zwar erhielt Milwaukee im Rahmen des Giannis-Trades unter anderem Erstrundenpicks für 2031 und 2033 sowie ein Pick-Swap-Recht für 2030. Dennoch bleibt die Franchise hinsichtlich ihrer zukünftigen Draftmöglichkeiten eingeschränkt. Die Entwicklung der bereits vorhandenen Talente besitzt deshalb eine besonders große Bedeutung.
Der vielleicht emotionalste Moment der kommenden Saison dürfte am 28. Januar 2027 folgen, wenn Antetokounmpo erstmals als Spieler der Miami Heat nach Milwaukee zurückkehrt. Dann wird die Vergangenheit noch einmal im Mittelpunkt stehen. Sportlich jedoch müssen die Bucks längst nach vorne blicken.
Denn während die Franchise jahrelang nahezu jede Entscheidung dem Versuch unterordnete, mit Giannis eine weitere Meisterschaft zu gewinnen, muss sie nun genau jene Zukunft aufbauen, die dabei häufig in den Hintergrund gerückt war. Die Bucks haben durch den Trade mehrere interessante Bausteine erhalten. Ob daraus tatsächlich eine neue erfolgreiche Generation entstehen kann, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen.

Giannis Antetokounmpo und Myles Turner (Milwaukee Bucks): Einst Gegner auf dem Parkett, nun Teil einer veränderten Bucks-Geschichte: Während Giannis nach dem Meistertitel 2021 und zwei MVP-Auszeichnungen im Sommer 2026 nach Miami wechselte, soll Turner Milwaukee durch die neue Ära begleiten.
Fazit: Der Neuanfang ist keine Garantie auf eine bessere Zukunft
Fünf Franchises, fünf unterschiedliche Ausgangslagen und mindestens ebenso viele Vorstellungen davon, wie eine erfolgreiche Zukunft aussehen könnte. Brooklyn besitzt interessante Talente, sucht allerdings weiterhin nach einem eindeutigen Franchise-Spieler. Chicago versucht, aus einer jahrelangen Phase sportlicher Mittelmäßigkeit auszubrechen. Sacramento muss entscheiden, ob die erfahrenen Leistungsträger noch Teil der langfristigen Planung sein sollen. Memphis setzt nach dem Ende der Morant-Ära auf Cameron Boozer, während Milwaukee nach dem Abschied von Giannis Antetokounmpo seine gesamte sportliche Identität neu definieren muss.
Die kommende Saison wird deshalb nicht ausschließlich anhand der Abschlusstabellen zu bewerten sein. Ein junger Spieler, der erstmals dauerhaft Verantwortung übernimmt, kann für einen Neuaufbau wertvoller sein als einige zusätzliche Siege. Umgekehrt garantiert eine hohe Draftposition noch lange keinen zukünftigen Superstar.
Gerade darin liegt die besondere Herausforderung dieser fünf Mannschaften. Sie müssen nicht nur neue Spieler finden, sondern auch erkennen, welche Entscheidungen langfristig tatsächlich zum Erfolg führen können.
Denn eine erfolgreiche Zukunft beginnt in der NBA selten mit dem nächsten großen Trade. Sondern mit der Erkenntnis, welche Fehler der Vergangenheit man nicht noch einmal wiederholen darf.
Autor: Sami Younis | Stand der Daten: 15. Oktober 2026 | Fotocredit: Getty Images


