Carter Bryant und Dylan Harper, im Takt nickend zum Sound von War, dessen Song „Low Rider“ den lässigen Ton für den 1:21-minütigen Clip zur Vorstellung der neuen Spurs-Trikots angibt. Die zwei 20-Jährigen im Chevrolet Impala, Jahrgang 1964, gemächlich gleitend durch die Straßen von San Antonio – und das in Zeichentrickgestalt. Über dem Video liegt die Stimme von George „Iceman“ Gervin, die das neue Trikot sprechend einstimmt. Dann steigen Bryant und Harper aus dem Auto, plötzlich als echte Menschen. Das silberfarbene Trikot wird präsentiert. Vor dem breiten Kühlergrill des Chevys, dessen waagerechte Chromstreben regelrecht durch das dunkel gehaltene Bild blitzen, posieren die beiden Athleten mit Bällen in den alten ABA-Farben.
Die Message
Was Gervin dazu spricht, ist ein Gedicht:
Von bescheidenen Anfängen zu einem Vermächtnis, das Bestand hat.
Von leuchtenden Rot-, Weiß- und Blautönen zu dem Silber und Schwarz, das uns ausmacht.
Verwurzelt im Herzen von HemisFair, wo eine Stadt ihr Team fand.
Und ein Team seine Familie fand.
Hier hat es angefangen.
Wo Fastbreaks auf erste Schritte trafen.
Wo ein Fundament gelegt wurde, Ballbesitz für Ballbesitz.
Jeder Faden erzählt eine Geschichte, und jedes Detail trägt uns voran.
Wir ehren, wo wir gewesen sind und wer wir geworden sind.
Mehr als eine Uniform – eine Verbindung zu unseren Wurzeln, unserer Stadt und der Zukunft, die wir gemeinsam aufbauen.
Ein Trikot aus HemisFair-Zeiten
Was die Spurs da in Szene setzen, ist ihre Nike Classic Edition, vorgestellt am 12. Oktober zum 50. Jahrestag der Fusion von ABA und NBA. 1976 wurden vier ABA-Franchises in die NBA aufgenommen: die Spurs, die Denver Nuggets, die Indiana Pacers und die New York Nets, heute in Brooklyn zu Hause. Alle vier haben am selben Montag ihre Retro-Trikots enthüllt – doch nur einer mit einer brachialen Coolnes.
Das Trikot ist eine Nachbildung der Heimtrikots, die die Spurs nach ihrem Umzug aus Dallas 1973 in der HemisFair Arena trugen und die in der Ära Gervin berühmt wurden. Silberne Basis, der geschwungene „Spurs“-Schriftzug in seiner ursprünglichen Form, ein ABA-Anthem-Tag über dem Jock-Tag, auf der Hose die schwarze Raute, die das Logo einrahmt.
Seine Premiere feiert das Trikot am 4. November gegen die Dallas Mavericks im Frost Bank Center, zusammen mit einem passenden Retro-Court. Es ist die erste von neun „Classic Nights“. Neben den Mavericks und den Chicago Bulls stehen dabei ausschließlich alte ABA-Weggefährten auf dem Plan: zweimal die Nets, zweimal die Pacers, dreimal die Nuggets.
Rot, Weiß, Blau
Die Bälle im Clip sind keine Dekoration. Als die ABA 1967 als Konkurrenzliga zur NBA an den Start ging, präsentierte ihr erster Commissioner George Mikan einen rot-weiß-blauen Ball. Er nannte ihn patriotisch und versprach sich davon mehr Wirkung im Fernsehen. Er wurde zum Markenzeichen der Liga.
Auch der Retro-Court der Classic Nights greift die Farben auf, als Hommage an die ABA-Bälle und an das Logo der Dallas Chaparrals. Unter diesem Namen startete die Franchise 1967 als eines der Gründungsteams der ABA. Nach Jahren finanzieller Probleme holte eine Gruppe von Geschäftsleuten um Red McCombs das Team 1973 per „Lend-Lease“-Vereinbarung nach San Antonio und taufte es um. Genau das meint Gervin mit dem Weg von den leuchtenden Rot-, Weiß- und Blautönen zum Silber und Schwarz.
„Von bescheidenen Anfängen“ ist dabei wörtlich zu nehmen. Das erste Heimspiel am 10. Oktober 1973 gegen die San Diego Conquistadors ging mit 106:121 verloren, gerade einmal gut 6.000 Zuschauer sahen in der HemisFair Arena zu.

George "Iceman" Gervin mit seiner Trikotnummer 44.
Die Stimme des Iceman
Dass ausgerechnet Gervin spricht, ist fast schon notwendig für die Message. Er kam im Januar 1974 von den Virginia Squires – und das unter kuriosen Umständen: Erst ein Rechtsstreit und ein Gerichtsbeschluss machten ihn zum Spur. Was folgte, war eine der großen Scorer-Karrieren der Liga.
Gervin gewann in der NBA vier Scoring-Titel, 1978, 1979, 1980 und 1982. 1996 wurde er als erster Spur in die Hall of Fame aufgenommen, seine Nummer 44 hängt längst unter dem Hallendach. Den Spitznamen „Iceman“ verdankt er der Coolness, mit der er spielte. Wenn einer in diesem Clip über Coolness sprechen darf, dann er.
Zurück ins Herz von HemisFair
„Verwurzelt im Herzen von HemisFair“. Zwanzig Jahre lang war die HemisFair Arena die Heimat der Spurs, 1993 zog das Team ins Alamodome, 1995 wurde die Halle abgerissen. Das letzte Spiel dort, am 20. Mai 1993, ging durch einen Wurf von Charles Barkley in letzter Sekunde verloren.
Doch die Geschichte ist nicht zu Ende. Im November 2025 stimmten die Wähler im Bexar County mit 52,1 Prozent für Proposition B und damit für eine neue, rund 1,3 Milliarden Dollar teure Arena. Entstehen soll sie im Hemisfair Park, dort, wo früher das Institute of Texan Cultures stand. Für Planung und Bau rechnet die Stadt mit rund fünf Jahren. Die Spurs selbst verknüpfen die Classic Edition mit ihrer Zukunft in Downtown. Gervins Satz ist also beides: Erinnerung und Ankündigung.
Mehr als eine Uniform
81 Sekunden, ein Oldtimer, ein Funk-Klassiker und die Stimme einer Legende: Die Spurs erzählen in ihrem Clip die Geschichte einer Franchise, die aus Dallas kam und in San Antonio ihre Familie fand. Vom rot-weiß-blauen Ball über die HemisFair Arena bis zur geplanten Rückkehr in dasselbe Viertel.
„Mehr als eine Uniform“ ist im Marketing meist eine Floskel. Hier stimmt es ausnahmsweise.
Autor: Kijanusch Holz | Stand der Daten: 16. Oktober 2026 | Fotocredit: Getty Images

