63 Punkte. So viele ließ der FC Bayern gegen Dubai Basketball in einer einzigen Halbzeit zu. Zur Pause stand es 36:63, am Ende 91:107, und die Münchner hatten die dritte Niederlage im dritten EuroLeague-Heimspiel kassiert. Dass Bayern sich im dritten Viertel mit 31:19 noch mal zurückgekämpft hatte, änderte daran nichts. Anton Gavel suchte danach keine Ausreden. „Defensiv waren wir in der ersten Halbzeit nicht existent“, sagte der Trainer, und Kapitän Vladimir Lučić legte bei MagentaTV nach: „Ein peinlicher Ansatz. So wollten wir nicht aussehen.“
Gewonnen hat die Mannschaft bislang nur auswärts, bei Hapoel Tel Aviv (86:84) und bei Anadolu Efes (101:93). In der Bundesliga dagegen hat dasselbe Team alle vier Spiele gewonnen und führt die Tabelle an. Was hat Gavel verändert, warum trägt es in der Liga und reißt in Europa, und wie viel davon hat mit jener Verteidigung zu tun, über die in der Szene gerade so viel geredet wird?
Druck als Programm
Gavel hatte vor dem EuroLeague-Start keinen Zweifel gelassen, wohin die Reise gehen soll. „Wir wollen auf beiden Seiten des Feldes aggressiv agieren und einen Tick schneller spielen“, sagte er im September. Der interessanteste Satz kam aber von Thiemann: „Ich glaube auch, unsere Verteidigung ist eine, die man vielleicht nicht standardmäßig in der EuroLeague sieht.“ Welche Verteidigung das ist, sagte er nicht. Mittlerweile sieht man, dass es sich teilweise um die „Next-Defense“ oder „Next-Variante“ handelt, die ALBA Berlin letzte Saison so stark gemacht hat.
Next ist eine Antwort auf das Pick-and-Roll, die die Zuständigkeiten verschiebt, wodurch jede Menge Rotation in der Defense entsteht. Der Ballverteidiger switcht nicht, geht nicht über und nicht unter den Block, um bei seinem Spieler zu bleiben. Der Ballhandler wird anstattdessen vom nächsten Perimeterverteidiger in Dribbelrichtung aufgenommen. Der ursprüngliche Verteidiger jagt den Angreifer nur über den Block und rotiert dann weiter, zum Beispiel auf die Weak Side, der Big bleibt am Abroller. Das Ziel ist Druck auf den Ball und der erzwungene Ballverlust, ohne den Big aus der Zone, etwa durch ein aggressives Hedge, zu ziehen. Der Preis sind allerdings lange Rotationen und Anfälligkeit für Cuts. Zudem müssen sich die Verteidiger schnell orientieren. Ohne Kommunikation und Rotationsdisziplin wird aus diesem Druck schnell ein Loch, das nicht zu schließen ist.

Gegen Dubai Basketball lief es defensiv besonders in der ersten Halbzeit miserabel.
Zwei Gesichter
In der Bundesliga sieht man, was der Plan kann. Bayern lässt dort im Schnitt 69,0 Punkte pro Spiel zu, das Korbverhältnis nach vier Spielen lautet 403:276. Gleich zum Auftakt gegen Bamberg gab die Mannschaft in den ersten beiden Vierteln nur 13 und 15 Punkte ab, verteilte 26 Assists und holte 20 Offensivrebounds. Auch in Europa gab es den Abend, an dem der Druck Ertrag brachte: Beim 101:93 bei Anadolu Efes kam Bayern auf 12 Steals, Efes auf 20 Ballverluste.
In der EuroLeague kippt das Bild im Gesamten aber. 94,1 Punkte kassiert Bayern dort im Schnitt. In der Hauptrunde der Vorsaison waren es 83,7, damals der sechstbeste Wert der Liga. Der Vergleich ist roh nach nur sieben Spielen, aber die Richtung ist klar.
Auffällig ist vor allem, wann es passiert. In vier von fünf Niederlagen lag Bayern zur Halbzeit zurück, dreimal deutlich: bei Fenerbahçe mit 19, bei Beşiktaş mit 18, gegen Dubai mit 27 Punkten. Bei Beşiktaş lag die Mannschaft in der zweiten Halbzeit zeitweise mit 28 Punkten hinten, glich rund sechs Minuten vor Schluss zum 75:75 aus und verlor doch 87:95. Nur gegen Partizan lief es umgekehrt. In der 29. Minute führte Bayern laut Vereinsbericht 65:52, kassierte im Schlussviertel 29 Punkte, leistete sich 17 Ballverluste und verlor 84:86. Ein Team, das sich erst in Spiele hineinkämpfen muss und dann wieder herausfällt, verteidigt noch nicht selbstbewusst mit mutigen Defense-Plays. Dass etwa die Next-Defense auch in Drucksituationen funktionieren kann, benötigt 100-prozentiges Verständnis, noch deutlicher: Einverleibung des Systems. Wir sind noch am Anfang der Spielzeit – aber so langsam muss sich Gavels Team fangen.
Hero-Ball
Wer die kleine internationale Krise allein der Verteidigung zuschreibt, macht es sich trotzdem zu leicht. Nach der Niederlage gegen Virtus Bologna kritisierte Gavel selbst, sein Team habe sich auf Hero-Ball verlassen, statt den Ball laufen zu lassen. Weitere Stimmen bestätigen das. Lučić etwa sagte, Bayern sei in der Offensive zu egoistisch gewesen und habe gegen Dubais Switch-Verteidigung keine Lösung gefunden.
Dazu fehlt der Rotation eine Hierarchie. Gavel setzte in den ersten sechs EuroLeague-Spielen fünf verschiedene Startformationen ein. Bei Beşiktaş hielt er zum Beispiel in der Crunchtime an der Besetzung des Comebacks fest: Lučić, Jessup, Baldwin, Thiemann und da Silva blieben bis zum Ende – Obst, Washington und Beauchamp sahen das Feld nicht wieder. Danach räumte Gavel ein, er hätte womöglich wechseln sollen. „Aber hinterher sind wir immer schlauer“, zitiert ihn basketball-world. Im Fanlager kommen in Foren Wünsche nach einem festen Gerüst von etwa zehn Spielern, die das Playbook, vor allem defensiv, beherrschen. Ob diese Herangehensweise bei dem engen Kalender der Bayern sinnvoll wäre, sei dahingestellt. Im Oktober hat Bayern elf Spiele angesetzt, vom 14. bis 18. Oktober waren es drei in fünf Tagen.
Was bleibt nach sieben EuroLeague-Spielen? Eine Mannschaft mit einer anspruchsvollen Idee, die in der Liga schon zeigt, wie sie aussehen kann, und die in Europa nur auf Rang 16 von 20 steht. Thiemann sagte schon nach Partizan: „Wir vertrauen auf das System, es ist ein gutes System. Es braucht aber Zeit.“ Gavel nimmt sich dagegen selbst in die Pflicht: „Ich muss einen besseren Job machen, die Spieler vorzubereiten.“ Man muss bedenken, dass er auch in Bamberg eine schwierige erste Saison gehabt hat – danach präsentierten sie sich dominant. Ob Gavels Weg trägt, entscheidet sich durch die Millisekunde, an der Spieler noch überlegen müssen, wohin sie in der Verteidigung als Nächstes müssen – machen sie es automatisch, kann sein System durchaus tragen. Aber auch offensiv muss sich das Team mehr in den Fokus bringen. Weniger Einzelaktionen, mehr Passstafetten, die rar auch schon gegen Dubai aufgeblitzt sind. Jetzt zu sagen, Gavel müsse weg, wäre übereifrig. Sein Stil braucht Zeit. Wie viel er erhält, bleibt abzuwarten.
Autor: Kijanusch Holz | Stand der Daten: 24. Oktober 2026 | Fotocredits: Getty Images

