Sophie Cunningham ist populär. Fans rufen ihren Namen durch die Arenen, ihre Schuhe verkaufen sich, ihre Aussagen werden weit über die Basketball-Bubble hinaus diskutiert – und selbst rund um Team USA fällt inzwischen ihr Name.
Wer die WNBA hauptsächlich über Social Media verfolgt, könnte deshalb den Eindruck gewinnen, Cunningham gehöre zu den großen Stars der Liga.
Sportlich ergibt sich ein anderes, differenzierteres Bild.
Dabei geht es nicht darum, Cunningham kleinzureden oder ihre politischen Ansichten zum Maßstab ihrer basketballerischen Fähigkeiten zu machen. Im Gegenteil: Gerade wer fordert, Sportlerinnen unabhängig von Sympathie und Narrativen zu bewerten, muss diesen Maßstab auch hier anlegen.
EINE RICHTIG GUTE ROLLENSPIELERIN - ABER KEIN STAR!
Sophie Cunningham hat sich in Indiana längst zum Publikumsliebling entwickelt – ihre Popularität reicht inzwischen weit über ihre sportliche Rolle hinaus.
Zunächst sollte eines feststehen: Sophie Cunningham ist eine gute WNBA-Spielerin.
Über ihre Karriere hat sie sich als wertvolle Rollenspielerin etabliert. Sie verteidigt physisch, bringt Energie, bewegt sich gut ohne Ball und schafft mit ihrem Shooting Räume für andere. Sie braucht weder viele Ballkontakte noch eine auf sie zugeschnittene Offensive, um einem Team zu helfen.
2026 unterstreicht ihre Effizienz diese Qualität. Zum betrachteten Zeitpunkt kommt Cunningham auf 8,8 Punkte, 2,4 Rebounds und 1,2 Assists und trifft herausragende 45,8 Prozent ihrer Dreier. Gleichzeitig stand sie lediglich in drei ihrer ersten 35 Spiele in der Starting Five. Ihre Karrierewerte von rund acht Punkten pro Partie erzählen eine ähnliche Geschichte.
Das sind keine schlechten Zahlen. Sie beschreiben vielmehr ziemlich genau, was Cunningham ist: eine Spielerin, die Stars ergänzt und ihre Rolle auf hohem Niveau erfüllt.
Oder wie sie es selbst formulierte:
„Whatever the team needs of me, I'm going to do.“
„Was auch immer das Team von mir braucht – ich werde es tun.“
Genau darin liegt ihr Wert. Aber eine sehr gute Rollenspielerin ist nicht automatisch eine Starspielerin.
Ihre öffentliche Figur ist größer als ihre sportliche Rolle
USA TODAY berichtete zuletzt von Autogramm-Schlangen, Fans, die Cunninghams Namen durch die Arena rufen, und Schuhen, die am Tag ihres Releases ausverkauft waren. Ihre Bekanntheit hat längst Dimensionen erreicht, die weit über die einer klassischen Rollenspielerin hinausgehen.
Das ist zunächst nichts Negatives. Sport war nie nur die Addition von Punkten, Rebounds und Assists. Persönlichkeit schafft Identifikation, Geschichten erzeugen Aufmerksamkeit. Bei Cunningham scheint sich das Verhältnis zwischen sportlicher Bedeutung und öffentlicher Wahrnehmung jedoch zunehmend zu verschieben.
Ein Ausgangspunkt dafür war ihre Rolle an der Seite von Caitlin Clark. Cunningham entwickelte das Image von Clarks „Enforcer“ – die Mitspielerin, die sich einmischt, physisch dagegenhält und keinem Konflikt aus dem Weg geht.
Dieses Image machte sie identifizierbar und populär. Mittlerweile wird über Sophie Cunningham allerdings häufig wegen allem gesprochen, was sie umgibt – und vergleichsweise selten wegen ihres eigentlichen Basketballs.

Caitlin Clark wird auf dem Court immer wieder hart angegangen. Cunningham etablierte sich dabei als eine Art „Enforcer“, der Konflikten nicht aus dem Weg geht und für seine Mitspielerin einsteht.
Wenn aus einer Spielerin eine politische Figur wird
2026 kam eine weitere Ebene hinzu. Nach ihren Aussagen gegen die Teilnahme von trans Frauen und Mädchen am Frauensport wurde Cunningham Teil einer gesellschaftspolitischen Debatte. Vor Fever-Spielen entstanden „Support Sophie Cunningham“-Demonstrationen, ihre Position wurde national diskutiert.
Sie deshalb pauschal als „MAGA-Spielerin“ einzuordnen, wäre zu einfach. Eine einzelne politische Position erlaubt keine derart simple Einordnung einer Person.Gleichzeitig sind ihre Aussagen in einem politischen Diskurs anschlussfähig, in dem Cunningham für bestimmte Gruppen zur Identifikationsfigur geworden ist. Auch dadurch wächst ihre Bekanntheit. Nur sagt diese Aufmerksamkeit zunächst wenig darüber aus, wie gut Sophie Cunningham Basketball spielt. Und genau diese Trennung geht in der öffentlichen Diskussion zunehmend verloren.
Auch „Beauty Privilege“ gehört zur Debatte
Sport findet längst nicht mehr ausschließlich auf dem Court statt. Instagram, TikTok, Werbekampagnen und persönliche Marken beeinflussen, welche Athletinnen und Athleten Aufmerksamkeit bekommen und viral gehen. Cunninghams Popularität allein auf ihr Aussehen zu reduzieren, wäre unseriös. Ebenso naiv wäre es jedoch, diesen Faktor vollständig auszublenden.
„Beauty Privilege“ macht Cunningham weder besser noch schlechter. Attraktivität kann aber beeinflussen, wie stark eine Person vermarktet wird und wie groß sie öffentlich wahrgenommen wird. Das Problem ist nicht, dass Cunningham davon möglicherweise profitiert. Problematisch wird es, wenn Popularität beginnt, unsere Bewertung ihrer sportlichen Qualität zu verändern.

Cunninghams Aussehen allein erklärt ihre Popularität nicht. Dennoch gehört „Beauty Privilege“ zur Frage, warum manche Athletinnen öffentlich größer wahrgenommen werden als ihre sportliche Rolle.
Und plötzlich reden wir über Team USA
Spätestens hier bekommt die Debatte eine sportlich relevante Dimension. Natürlich kann Cunningham mit Shooting, Defense und Toughness auch einem Team voller Stars helfen. Gerade Spielerinnen, die ohne hohe Usage funktionieren, besitzen in solchen Mannschaften einen Wert. Aber Team USA kann aus einem der tiefsten Talentpools im Frauenbasketball auswählen. Zum Vergleich reicht bereits Cunninghams eigene Kabine: Kelsey Mitchell erzielt 24,2 Punkte pro Spiel, Caitlin Clark 22,0 und Aliyah Boston 17,0 Punkte bei 8,7 Rebounds. Cunningham kam auf 8,8 Punkte. Basketball ist mehr als Scoring. Trotzdem verdeutlichen diese Zahlen, auf welchen Spielerinnen offensiv eine völlig andere Verantwortung liegt. Wenn Cunninghams Nicht-Nominierung für Team USA deshalb teilweise wie eine sportliche Ungerechtigkeit behandelt wird, sollte die Frage erlaubt sein: Bewerten wir ihre Leistung – oder längst ihre Bekanntheit?
Bewusst zugespitzt ließe sich die Diskussion auf den Männerbasketball übertragen: Es wäre ungefähr so, als würde aus Payton Pritchards Popularität plötzlich die Forderung entstehen, er müsse für Team USA spielen. Ein hervorragender Rollenspieler kann einem Spitzenteam enorm helfen. Das macht ihn nicht automatisch zu einem der besten Spieler seines Landes.
Sympathie ist kein Basketball-Skill
Bei anderen WNBA-Spielerinnen – beispielsweise Angel Reese – wird regelmäßig darüber diskutiert, wie sehr Sympathie, Antipathie, Auftreten und öffentliche Narrative ihre sportliche Wahrnehmung beeinflussen. Dann muss derselbe Maßstab für Cunningham gelten. Eine Spielerin wird nicht schlechter, weil man ihre Persönlichkeit oder politische Positionen nicht mag. Sie wird aber auch nicht besser, weil man ihre Aussagen teilt, sie attraktiv findet oder ihr öffentliches Image sympathisch ist. Wer eine faire sportliche Bewertung fordert, muss diesen Maßstab unabhängig davon anwenden, wen er persönlich mag. Sophie Cunningham ist eine gute WNBA-Spielerin und eine hervorragende Rollenspielerin. Ihr Shooting, ihre Physis und ihre Fähigkeit, ohne viele Ballkontakte Einfluss zu nehmen, machen sie wertvoll. Aber ihre öffentliche Präsenz ist inzwischen größer als ihre tatsächliche sportliche Rolle.
Vielleicht erzählt die Diskussion um Cunningham deshalb genauso viel über den modernen Sport und unsere Wahrnehmung davon wie über sie selbst. Leistung entscheidet längst nicht mehr allein darüber, wer zum Star wird. Persönlichkeit, Aussehen, politische Narrative, Memes, Algorithmen und die Nähe zu Superstars können eine Bedeutung erzeugen, die mit der sportlichen Hierarchie nicht zwangsläufig übereinstimmt. Viralität ist kein All-Star-Award. Bekanntheit ist kein Leistungsnachweis. Und Sympathie ist kein Basketball-Skill.
Autor: Sami Younis | Stand der Daten: 28. August 2026 | Fotocredit: XXXXXXXXX

